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Trockenes Auge und Depression: Warum Betroffene stärkere Symptome spüren

Menschen mit Depressionen klagen häufiger über brennende, trockene oder gereizte Augen. Eine aktuelle Studie aus Hongkong zeigt: Dieser Zusammenhang ist vor allem bei der subjektiven Symptomwahrnehmung deutlich. Objektiv messbare Veränderungen der Augenoberfläche unterschieden sich nicht signifikant von denen bei Teilnehmenden ohne Depression. Die Untersuchung wurde vom Centre for Eye and Vision Research und der Hong Kong Polytechnic University durchgeführt und in Scientific Reports veröffentlicht. 614 Erwachsene aus Hongkong wurden zwischen September 2021 und September 2023 untersucht.

Trockenes Auge und Depression: Warum Betroffene stärkere Symptome spüren
Grafik von © Alghozy / Unsplash

Trockenes Auge & psychische Gesundheit: Wie die Studie subjektive Beschwerden und objektive Befunde gegenüberstellt

Das Forschungsteam unterschied zwei Ebenen: subjektive Beschwerden, also was die Teilnehmenden selbst spüren, und objektive Befunde, also was sich am Auge messen lässt, etwa Tränenfilmstabilität oder Lipidschichtdicke.

Diese Unterscheidung ist wichtig, weil viele Betroffene starke Symptome schildern, während die Messwerte nur gering verändert sind. Die Studie liefert Hinweise darauf, dass psychische Faktoren diese Wahrnehmung beeinflussen können.

Ocular Surface Disease Index (OSDI): Ein standardisierter Fragebogen, der die Symptomstärke beim trockenen Auge zuverlässig abbildet

Zur Erfassung der subjektiven Beschwerden nutzten die Forschenden den Ocular Surface Disease Index, kurz OSDI. Der Score reicht von 0 bis 100 Punkte, höhere Werte stehen für stärkere Beschwerden.

Der OSDI fragt ab, wie oft Betroffene unter brennenden oder sandkornartigen Augen leiden, ob Lichtempfindlichkeit besteht oder ob das Sehen beeinträchtigt wird. Solche Fragebögen erfassen Lebensqualität und Leidensdruck, die Messgeräte oft nicht abbilden.

Von Tränenfilm bis Lipidschicht: Objektive Augenparameter in der Studie

Zusätzlich zum Fragebogen wurden objektive Parameter der Augenoberfläche untersucht: die Dicke der Lipidschicht, die den Tränenfilm vor zu schnellem Verdunsten schützt, die Tränenfilmaufreißzeit als Maß für die Stabilität des Tränenfilms, die Rötung der Augenoberfläche, die Tränenosmolarität als Salzkonzentration der Tränen, die Tränenseehöhe als Indikator für Tränenvolumen sowie die Meibomdrüsenfunktion, weil eine gestörte Funktion trockene Augen begünstigt.

Die Einordnung als trockenes Auge erfolgte nach den TFOS DEWS II-Kriterien, einem internationalen Konsens für die Diagnose Dry Eye Disease.

Definition von Depressionen in der Studie: Diagnosen beruhten auf Selbstauskunft & Antidepressiva-Einnahme

Eine Depression wurde angenommen, wenn eine Person eine depressive Erkrankung angab und Antidepressiva einnahm. So wurden 18 der 614 Teilnehmenden der Depressionsgruppe zugeordnet, 596 galten als nicht depressiv.

Dieses Vorgehen ist pragmatisch, hat aber Grenzen, weil keine ärztliche Bestätigung und kein standardisiertes Screening erfolgten. Das kann die Genauigkeit der Gruppenzuordnung einschränken.

Subjektive Symptome deutlich stärker: Warum Teilnehmende mit Depression im OSDI-Fragebogen höhere Werte erreichten

Bei der subjektiven Symptomatik zeigte sich ein klarer Unterschied: Teilnehmende mit Depression erreichten im OSDI einen Median von 20 Punkten, Teilnehmende ohne Depression kamen auf 14 Punkte. Dieser Unterschied war statistisch signifikant und blieb auch unter Berücksichtigung weiterer Einflussfaktoren bestehen.

Pro OSDI-Punkt Anstieg erhöhte sich die mit Depression assoziierte Odds Ratio auf 1,03 (95-Prozent-KI 1,01–1,06; p = 0,015). Bei OSDI-Werten über 32 lag die Odds Ratio bei 3,00. Die Odds Ratio beschreibt, wie stark zwei Merkmale zusammenhängen. Liegt das Konfidenzintervall komplett über 1, gilt der Zusammenhang als signifikant.

Objektive Augenbefunde unauffällig: Tränenfilm, Lipidschicht und andere Messwerte unterschieden sich zwischen den Gruppen nicht

Der Zusammenhang übertrug sich nicht auf die objektiv erhobenen Parameter. Bei Lipidschichtdicke, Tränenfilmstabilität, Tränenseehöhe, Osmolarität, Meibomdrüsenfunktion und Rötung fanden die Forschenden keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.

Auch die Einteilung in trockenes Auge nach TFOS DEWS II unterschied sich nicht signifikant. Die Autoren diskutieren eine veränderte Symptomwahrnehmung oder erhöhte Schmerzempfindlichkeit als Erklärung. Aus den Daten lässt sich nicht ableiten, dass eine Depression die Beschwerden verursacht oder umgekehrt.

Was die Ergebnisse für die Praxis bedeuten: Starke Beschwerden und geringe objektive Veränderungen können gemeinsam auftreten

Für die Praxis ist dieser Unterschied relevant: Betroffene können über erhebliche Beschwerden klagen, obwohl die objektiven Befunde nur wenig verändert sind. Psychische Faktoren sollten bei der Symptomwahrnehmung berücksichtigt werden, ohne dass aus trockenen Augen allein auf eine Depression geschlossen wird.

Antidepressiva können selbst Einfluss auf trockene Augen haben, weil manche Wirkstoffe die Tränenproduktion reduzieren. Die Studie erfasst diesen Effekt nicht ausreichend.

Kritik an der Studie

Die Aussagekraft der Studie ist erheblich begrenzt: Nur 18 der 614 Teilnehmenden wurden als depressiv eingestuft – das sind weniger als drei Prozent. Bei einer so kleinen Gruppe sind statistische Zufallseffekte sehr wahrscheinlich, die Ergebnisse wenig stabil und die Übertragbarkeit auf die Gesamtbevölkerung fraglich.

Zudem galt eine Depression nur dann als vorhanden, wenn die Person sowohl eine depressive Erkrankung angab als auch Antidepressiva einnahm. Dieses Vorgehen übersieht Menschen mit unbehandelter Depression, leichter Symptomatik oder ohne Zugang zur Versorgung. Ein standardisiertes psychiatrisches Screening oder eine ärztliche Diagnose wäre deutlich präziser gewesen. Die Autoren selbst nennen diese Einschränkungen und betonen, dass größere Studien mit aussagekräftigeren Vergleichsgruppen nötig sind.

Die Studie aus Hongkong spricht dafür, dass Depressionen insbesondere mit der subjektiven Wahrnehmung von Beschwerden des trockenen Auges verbunden sein könnten. Ein entsprechender Zusammenhang zeigte sich beim OSDI, während objektive Parameter der Augenoberfläche keine signifikanten Unterschiede erkennen ließen. Für die Praxis unterstreicht die Untersuchung die Bedeutung einer differenzierten Betrachtung von Beschwerden und Befunden. Eine Depression lässt sich aus trockenen Augen allein jedoch nicht ableiten, und über die Richtung des Zusammenhangs ist aufgrund des Studiendesigns weiterhin wenig bekannt.

Quellen: Studie: Liao, X., Guo, B., Li, H. et al. A cross-sectional analysis of the associations between dry eye disease and depression. Sci Rep (2026). https://doi.org/10.1038/s41598-026-62176-0

Deutsches Ärzteblatt: “Syndrom des trockenen Auges häufig mit Depressionen verbunden”

Christoph Hillermann-Giannoutsos