Starke Kurzsichtigkeit betrifft nicht nur die Sehschärfe. Bei hoher Myopie ist der Augapfel oft länger als üblich. Diese größere Achsenlänge kann mit Veränderungen am Sehnerv verbunden sein und das Risiko für Sehnervenschäden stark erhöhen. Eine Forschergruppe hat diesen Zusammenhang nun genauer untersucht.

Eine internationale Forschergruppe um Jost B. Jonas hat untersucht, wie häufig bei hoher Myopie verschiedene Formen von Sehnervenschäden auftreten. Das Ergebnis: Mit zunehmendem Alter und wachsender Achsenlänge nahmen die modellierten Wahrscheinlichkeiten deutlich zu. Bei einer Achsenlänge von 30 Millimetern lag die geschätzte Wahrscheinlichkeit für eine glaukomatöse oder glaukomähnliche Sehnervenschädigung im Alter von 75 Jahren bei 75,6 Prozent. Diese Zahl ist jedoch keine persönliche Prognose für einzelne Betroffene, sondern ein Modellwert für eine bestimmte Studienkonstellation.
Hohe Myopie: Warum die Achsenlänge mehr aussagt als Dioptrien allein
Bei hoher oder pathologischer Myopie verlängert sich der Augapfel vor allem in die Länge. Diese sogenannte Achsenlänge ist ein anatomischer Messwert und kann bei der Einschätzung möglicher Folgeerkrankungen aussagekräftiger sein als die Dioptrienzahl allein.
Eine verlängerte Augenform kann Strukturen am hinteren Augenabschnitt beeinflussen – darunter die Netzhaut, die Aderhaut und den Sehnervenkopf. Deshalb spielt die Achsenlänge bei der Beurteilung hoher Myopie eine wichtige Rolle.
Die Forschenden unterschieden zwischen Sehnervenschäden mit glaukomtypischen oder glaukomähnlichen Merkmalen, kurz GON/GLON, und anderen nicht-glaukomatösen Sehnervenschäden, kurz NGON. Eine Optikusneuropathie ist eine Schädigung des Sehnervs und kann das Sehvermögen beeinträchtigen.
Aktuelle Studie mit mehr als 35.000 untersuchten Augen
Für die Two-Continent Eye Study wurden Daten von 17.996 Personen bzw. 35.167 Augen aus fünf bevölkerungsbasierten Studien ausgewertet. Das durchschnittliche Alter der Teilnehmenden lag bei 46,6 Jahren, die mittlere Achsenlänge bei 23,2 Millimetern.
Aus den Daten entwickelten die Forschenden ein statistisches Modell. Es schätzt, wie Alter, Achsenlänge, Augeninnendruck und bestimmte Begleitbefunde mit der Wahrscheinlichkeit verschiedener Sehnervenschäden zusammenhängen. Die Ergebnisse sind damit für die Einordnung von Risikokonstellationen hilfreich, erlauben aber keine sichere Vorhersage für einzelne Menschen.
Längere Achsenlänge und höheres Alter gehen mit mehr Sehnervenschäden einher
Für glaukomatöse oder glaukomähnliche Sehnervenschäden zeigte die Analyse einen deutlichen Zusammenhang mit dem Alter und der Achsenlänge. Auch ein höherer Augeninnendruck ging im Modell mit einer höheren geschätzten Wahrscheinlichkeit einher.
Noch stärker war der Zusammenhang zwischen Achsenlänge und nicht-glaukomatösen Sehnervenschäden. Mit jedem zusätzlichen Millimeter Achsenlänge traten diese Schäden in der Studienpopulation deutlich häufiger auf. Auch ein höheres Alter war mit einer höheren geschätzten Wahrscheinlichkeit verbunden.
28 oder 30 Millimeter Achsenlänge: Wie stark die Modellwerte im Alter ansteigen
Die Forschenden haben mit ihren Daten Beispielrechnungen erstellt: Sie zeigen, wie sich die geschätzte Wahrscheinlichkeit für bestimmte Sehnervenschäden mit zunehmendem Alter und wachsender Achsenlänge verändern kann. Es handelt sich jedoch nicht um eine Vorhersage für einzelne Betroffene. In die Berechnung flossen neben Alter und Achsenlänge weitere Faktoren ein, darunter der Augeninnendruck und bestimmte Begleitbefunde. Für die dargestellten Beispiele nahmen die Forschenden einen Augeninnendruck von 22 mmHg an. Die Werte lassen sich deshalb nicht unmittelbar auf jede einzelne Person übertragen. Die Modelle beruhten auf Daten aus unterschiedlichen Studienpopulationen in China, Russland und Indien.
Bei einer Achsenlänge von 28 Millimetern lag die geschätzte Wahrscheinlichkeit für glaukomatöse oder glaukomähnliche Sehnervenschäden im Alter von 30 Jahren bei 3,5 Prozent. Mit 75 Jahren betrug sie in der Modellrechnung 60,2 Prozent. Für andere, nicht-glaukomatöse Sehnervenschäden stieg der Wert im selben Zeitraum von 3,4 auf 16,4 Prozent.
Bei einer noch längeren Achsenlänge von 30 Millimetern fielen die Modellwerte höher aus. Für glaukomatöse oder glaukomähnliche Sehnervenschäden stieg die geschätzte Wahrscheinlichkeit von 6,9 Prozent im Alter von 30 Jahren auf 75,6 Prozent im Alter von 75 Jahren. Für nicht-glaukomatöse Sehnervenschäden erhöhte sie sich von 28,2 auf 68,4 Prozent.
Die Zahlen verdeutlichen vor allem eines: Bei sehr stark verlängerten Augen kann das Risiko für Sehnervenschäden im Laufe des Lebens deutlich zunehmen. Sie bedeuten jedoch nicht, dass eine Person mit einer bestimmten Achsenlänge zwangsläufig erkrankt. Dafür spielen weitere individuelle Faktoren eine Rolle.
Warum hochmyope Papillen die Beurteilung erschweren können
Bei hoher Myopie kann der Sehnervenkopf, auch Papille genannt, anders aussehen als bei nicht kurzsichtigen Augen. Dadurch lassen sich myopiebedingte Veränderungen und glaukomtypische Befunde nicht immer eindeutig voneinander abgrenzen.
Ein einzelner Befund genügt deshalb oft nicht. Augenärzte beurteilen die Papille zusammen mit weiteren Untersuchungen, beispielsweise dem Augeninnendruck, der Netzhaut- und Nervenfaserschicht sowie bei Bedarf dem Gesichtsfeld.
Hohe Myopie langfristig im Blick behalten
Die Studie macht deutlich, dass starke Kurzsichtigkeit mehr ist als ein Refraktionsfehler. Besonders bei einer ausgeprägten axialen Verlängerung sollte neben der bestmöglichen Korrektur auch die Gesundheit des hinteren Augenabschnitts berücksichtigt werden.
Für Augenoptiker und Optometristen ist die Achsenlänge ein wichtiger Wert, um hohe Myopie einzuordnen. Sie ersetzt keine augenärztliche Diagnose. Bei auffälligen Befunden oder Beschwerden sollte jedoch eine zeitnahe augenärztliche Abklärung erfolgen.
Bei ausgeprägter hoher Myopie sollte individuell besprochen werden, in welchen Abständen augenärztliche Kontrollen sinnvoll sind. Dabei können nicht nur die Sehschärfe, sondern auch Sehnerv, Netzhaut, Makula und Augeninnendruck untersucht werden.
Quellen: Deutsches Ärzteblatt “Starke Kurzsichtigkeit: Risiko für Optikusneuropathie liegt bei bis zu 75 Prozent“
Studie: Jonas JB, Jonas RA, Bikbov MM, et al. Estimation of high myopia-associated optic neuropathies: the Two-Continent Eye Study British Journal of Ophthalmology Published Online First: 23 June 2026. doi: 10.1136/bjo-2026-329849
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