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Harvard entwickelt Navigations-App für blinde Menschen – fast so zuverlässig wie ein menschlicher Begleiter

Forscher der Harvard University haben eine Smartphone-App entwickelt, die blinden und sehbehinderten Menschen künftig deutlich mehr Selbstständigkeit im Alltag verschaffen könnte. Die App mit dem Namen Mobilio kombiniert künstliche Intelligenz, die Sensorik moderner Smartphones und individuell angepasste Audiosignale, um Nutzer sicher und zügig ans Ziel zu führen. In ersten Tests navigierte sie im Freien ähnlich zuverlässig wie ein menschlicher Begleiter.

Harvard entwickelt Navigations-App für blinde Menschen – fast so zuverlässig wie ein menschlicher Begleiter

Der Ausgangspunkt: Was brauchen blinde Menschen, um sich zurechtzufinden?

Die zugrunde liegende Studie wurde Anfang September 2026 im renommierten Fachjournal Nature Biomedical Engineering veröffentlicht. Angefangen hat dieses Projekt mit einer Befragung der eigentlichen Zielgruppe. Das Team um Erstautor Raymond Liu kontaktierte mehr als hundert Menschen mit Blindheit oder mittelgradiger bis schwerer Sehbehinderung und fragte sie, welche Anforderungen eine gute Navigationstechnologie erfüllen müsste. Drei Wünsche kristallisierten sich dabei klar heraus: verlässliche Abbiegehinweise, eine durchgehende Führung entlang von Gehwegen und die zuverlässige Erkennung sowie Umgehung von Hindernissen.

Hier liegt nach Einschätzung der Forscher die Schwäche klassischer Hilfsmittel: Langstock, Blindenführhund und elektronische Mobilitätshilfen deckten diese drei Bedürfnisse zwar einzeln recht gut ab, kombinierten sie aber so gut wie nie in einer einzigen, für jeden zugänglichen Lösung. Klassische Navigations-Apps wie Google Maps wiederum liefern zwar Abbiegehinweise, sind für blinde Nutzer im Straßenverkehr allein aber schlicht nicht präzise genug.

So funktioniert die „Blindenführ-App“

Die Idee der Harvard-Ingenieure baut bewusst auf einem Gerät auf, das die meisten Menschen ohnehin bei sich tragen: das Smartphone. Mobilio nutzt dessen eingebaute Kamera, das GPS-Modul, Bewegungs- und Lagesensoren sowie, sofern vorhanden, den LiDAR-Sensor, der über Laserlicht Entfernungen zu Objekten in der Umgebung misst. Eine eigens trainierte Bilderkennungs-KI wertet die Kamerabilder in Echtzeit aus und erkennt dabei Gehwege, Fußgängerüberwege, Straßenverläufe und andere für die Orientierung entscheidende Flächen.

Die eigentliche Führung erfolgt über zwei Kanäle gleichzeitig: gesprochene Anweisungen und kontinuierliche räumliche Audiosignale. Kleine Pieptöne, die je nach gewünschter Richtung von links oder rechts erklingen, leiten die Nutzer entlang ihres Weges. Das System beobachtet dabei, wie präzise jemand diesen akustischen Hinweisen folgt, und passt die Signale entsprechend individuell an – die App lernt also das Nutzerverhalten.

Praxis-Test: Besser als Google Maps, fast so gut wie ein menschlicher Begleiter

Um das Ganze in der Praxis zu prüfen, ließen die Forscher vierzehn blinde oder sehbehinderte Personen sowohl mit Mobilio als auch mit Google Maps navigieren, jeweils in Kombination mit dem gewohnten Blindenlangstock. Die Teilnehmer absolvierten dabei eine festgelegte Strecke im Freien sowie zusätzlich einen Hindernisparcours in Innenräumen.

Das Ergebnis fiel deutlich zugunsten von Mobilio aus. Auf der Außenstrecke benötigten die Teilnehmer mit der neuen App rund dreizehn Prozent weniger Zeit als mit Google Maps.

Noch auffälliger war der Unterschied beim Hindernisparcours: Hier kam es mit Mobilio zu einundvierzig Prozent weniger Berührungen mit Hindernissen. Besonders bemerkenswert ist aus wissenschaftlicher Sicht jedoch ein anderer Wert: Die Zuverlässigkeit, mit der die App die Teilnehmer im Freien ohne größere Fehler zum Ziel brachte, kam an die eines menschlichen Begleiters heran. In Befragungen im Anschluss beschrieben die Testpersonen die App zudem als einfach zu bedienen, wenig belastend im Gebrauch und mit intuitiv verständlichen Audiosignalen.

Eine App statt vieler verschiedener Tools

Christiane Möller vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband bestätigt, dass blinde und sehbehinderte Menschen im Alltag bislang häufig mehrere Apps parallel einsetzen müssen, etwa getrennt für Navigation, Umgebungsbeschreibung und Hinderniswarnung. Die Mobilio-App selbst sei dem Verband zwar noch nicht bekannt, doch der grundsätzliche Bedarf an einer solchen kombinierten Lösung sei unbestritten, da es den universellen „Alleskönner“ bislang schlicht nicht gebe.

Gleichzeitig mahnt Möller zur Differenzierung. Welche App für wen geeignet sei, hänge stark von der persönlichen Situation und dem individuellen Bedarf der jeweiligen Person ab. Hilfsmittelberater versuchten deshalb zunächst zu klären, welche Art der Unterstützung im Einzelfall tatsächlich gebraucht werde, bevor passende Lösungen vorgestellt würden. Eine App, die für jeden gleichermaßen die richtige Wahl ist, gibt es demnach auch mit Mobilio vermutlich nicht.

Wann ist die Navigations-App für blinde Menschen erhältlich?

Für die Augenoptik-Branche und angrenzende Beratungsstellen ist an dieser Stelle wichtig zu betonen: Mobilio ist derzeit noch nicht öffentlich erhältlich. Bislang handelt es sich um ein Forschungsprojekt der Harvard John A. Paulson School of Engineering and Applied Sciences, entwickelt von Doktorand Raymond Liu gemeinsam mit Patrick Slade, Assistenzprofessor für Bioengineering. Die App durchläuft aktuell das Studenten-Förderprogramm i-lab der Universität, in dem aus vielversprechenden Forschungsprojekten mitunter eigenständige Ausgründungen entstehen.

Die Harvard-Forscher selbst formulieren die Verfügbarkeit entsprechend vorsichtig als Zukunftsperspektive: Die App solle eines Tages über einen App Store heruntergeladen werden können und vollständig auf dem Smartphone laufen, ohne zusätzliche Hardware zu benötigen. Bis dahin sind weitere Tests in realitätsnahen Alltagssituationen geplant, um zu klären, wie gut sich die Anwendung für unterschiedliche Nutzergruppen und Lebenslagen eignet.

Florian Fait