Wie viel Denkarbeit steckt in einem unscharfen Blick? Diese Frage rückt in der Augenoptik gerade stärker in den Fokus. Auf der opti 2026 präsentierte ZEISS erstmals sein neues ClearMind Brillenglasportfolio. Seit einigen Wochen liegt nun eine umfangreiche Dokumentation der wissenschaftlichen Ergebnisse vor. Beim Vision Sciences Society Meeting im Mai 2026 wurden Ergebnisse vorgestellt, die zeigen, dass brillenglasinduzierte Unschärfe die kognitive Belastung messbar erhöhen kann. Für Augenoptiker eröffnet das eine neue Perspektive auf Sehkomfort, Versorgungsqualität und die Beratung im Fachgeschäft.

Unschärfe fordert das Gehirn – mit Folgen
Die ZEISS Visual Perception Study 2025 untersucht eine Frage, die im Beratungsgespräch bislang meist unter dem Stichwort Sehschärfe abgehandelt wurde: Was passiert, wenn ein Brillenglas zwar grundsätzlich gutes Sehen ermöglicht, in bestimmten Situationen aber Unschärfen erzeugt? Nach den Ergebnissen der Untersuchung muss das Gehirn dann offenbar stärker nacharbeiten, um visuelle Informationen zu verarbeiten und eine möglichst stimmige Wahrnehmung herzustellen.
Wissenschaftlich diskutiert wurden die Daten der Studie beim Annual Meeting der Vision Sciences Society vom 15. bis 19. Mai 2026 in St. Pete Beach, Florida. Das internationale Fachtreffen widmet sich der Erforschung des Sehens und seiner Verbindungen zu Kognition, Handlung und Gehirn. Die Präsentation mit dem Titel „EEG Evidence for Increased Cognitive Demand from Defocus Blur“ basierte auf einer kontrollierten Aufgabenstudie mit 29 Teilnehmern.

Die Untersuchung entstand am ZEISS Vision Science Lab, einer Kooperation von Carl Zeiss Vision International und der Universität Tübingen. Als Konferenzbeitrag beim Vision Sciences Society Meeting 2026 geben die Ergebnisse einen aktuellen wissenschaftlichen Einblick in den Zusammenhang zwischen optischer Qualität und kognitiver Belastung. Sie schaffen damit eine fundierte Grundlage für die weitere Forschung, die fachliche Einordnung im Beratungsgespräch und eine evidenzbasierte Kommunikation rund um moderne Brillenglaslösungen.
128 Prozent mehr Belastung
Für den Versuch absolvierten die Teilnehmer eine dreiminütige Steckbrettaufgabe, bei der sie sowohl eine visuelle als auch eine motorische Leistung erbringen mussten. Die Aufgabe wurde unter drei Bedingungen jeweils dreimal wiederholt: mit bestmöglicher Korrektur sowie mit zwei zunehmend höheren Stufen künstlich erzeugter Defokusunschärfe. Um mögliche Lerneffekte möglichst gering zu halten, wurde die Reihenfolge der Bedingungen zwischen den Durchgängen variiert.
Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Mit zunehmender Unschärfe verschlechterte sich die Leistung. Gleichzeitig stieg die subjektiv wahrgenommene kognitive Belastung signifikant an. Gemessen wurde sie mit dem NASA Task Load Index, einem wissenschaftlich etablierten Fragebogen zur Bewertung mentaler, zeitlicher und körperlicher Anforderungen. Die relativen Belastungswerte erhöhten sich bei stärkerer Unschärfe im Durchschnitt um 128 Prozent. Der statistische Wert von p < 0,001 spricht für einen sehr deutlichen Zusammenhang innerhalb dieser Untersuchung.
Objektive EEG-Messung zeigt Belastung
Die Forscher beließen es jedoch nicht bei der subjektiven Einschätzung der Teilnehmer. Parallel wurde ein EEG eingesetzt, also eine Messung der elektrischen Gehirnaktivität über Elektroden auf der Kopfhaut. Die EEG-Daten zeigten Veränderungen, die mit einem höheren Aufmerksamkeitsbedarf vereinbar sind. Im hinteren Gehirnbereich gingen die Theta- und Alpha-Aktivitäten zurück, während die frontale Theta-Aktivität zunahm. Das deute darauf hin, dass bei reduzierter visueller Qualität zusätzliche kognitive Ressourcen mobilisiert wurden.
Kurz zusammengefasst zeigt die Untersuchung: Je stärker die durch das Brillenglas verursachte Unschärfe ausfiel, desto schlechter schnitten die Teilnehmer bei der visuomotorischen Aufgabe ab, desto höher war ihre subjektive kognitive Belastung und desto deutlicher wiesen die EEG-Daten auf einen erhöhten Aufmerksamkeitsaufwand hin.
Was das für die Versorgung bedeutet
Unscharfes Sehen ist in der Praxis nicht immer gleichbedeutend mit einer offensichtlich schlechten Brillenglasversorgung. Gerade bei Gleitsichtgläsern können periphere Aberrationen und unterschiedliche Sehbereiche dazu führen, dass der Brillenträger in bestimmten Blickrichtungen oder bei wechselnden Sehaufgaben mit weniger klaren visuellen Informationen arbeitet. Betroffen sein könnten etwa Situationen, in denen zwischen Nähe, Zwischenbereich und Ferne gewechselt wird, ebenso Bildschirmarbeit, Orientierung oder Hand-Augen-Koordination.
Für Augenoptiker verschiebt sich damit der Blick auf die Versorgungsqualität. Es geht nicht mehr ausschließlich darum, ob ein Kunde die Sehzeichen auf der Tafel erkennt. Ebenso interessant ist, wie mühelos er im Alltag mit seinem Brillenglas arbeitet. Klagen Kunden über visuelle Ermüdung, Konzentrationsprobleme oder Schwierigkeiten beim Wechsel zwischen verschiedenen Distanzen, könnten diese Rückmeldungen bei der Anamnese und Glasberatung stärker berücksichtigt werden.
Die Studie belegt allerdings nicht, dass jede Unschärfe automatisch Müdigkeit oder Konzentrationsprobleme verursacht. Sie zeigt vielmehr, dass brillenglasinduzierte Unschärfe unter kontrollierten Bedingungen mit höherer kognitiver Belastung und einer schlechteren Aufgabenleistung verbunden war. Für die Beratung ist diese Differenzierung wichtig. Sie macht aus einer interessanten wissenschaftlichen Beobachtung kein pauschales Heilsversprechen.
ClearMind-Brillengläser von ZEISS als Antwort
ZEISS leitet aus den Ergebnissen die Entwicklung des ClearMind Brillenglasportfolios ab. Die Gläser sollen Unschärfen in den Sehbereichen reduzieren, die im Alltag besonders häufig genutzt werden. Grundlage ist die ZEISS NeurOptix Technologie. Sie berücksichtigt nach Angaben des Herstellers reale Blickbewegungen, typische Sehaufgaben und die Wahrnehmungsschwellen für Unschärfe beim Design der Gläser. Ziel ist, dem Auge in relevanten Sehbereichen möglichst klare visuelle Informationen bereitzustellen und damit den zusätzlichen Kompensationsaufwand des Gehirns zu verringern.
Neben der EEG-Untersuchung verweist ZEISS auf einen verblindeten Vergleich von ClearMind Gleitsichtgläsern mit ZEISS Standard Gleitsichtgläsern. In diesem Test erlebten neun von zehn Brillenträgern mit ClearMind eine geringere kognitive Belastung. Die subjektiv empfundene Belastung lag im Durchschnitt 14 Prozent niedriger.
In einer später durchgeführten internationalen Verbraucherumfrage mit knapp 300 Teilnehmenden berichteten 96 Prozent der Träger von ZEISS ClearMind Brillengläsern von extrem klarem Sehen. Zudem gaben 75 Prozent an, dass ihnen das Fokussieren mit den Brillengläsern leichter fällt, während 76 Prozent eine bessere Konzentrationsfähigkeit bei Aufgaben bestätigten.
Ein weiterer Messwert war die Lidschlagrate. Sie lag bei den ClearMind Gleitsichtgläsern während der visuell motorischen Aufgabe durchschnittlich 16 Prozent höher als bei den verglichenen Standard Gleitsichtgläsern. ZEISS wertet dies als Hinweis auf eine geringere kognitive Belastung und einen stabileren Tränenfilm. Diese Interpretation ist plausibel, sollte aber ebenfalls vorsichtig formuliert werden: Eine höhere Lidschlagrate allein beweist keine geringere mentale Belastung, sondern ist ein zusätzlicher physiologischer Hinweis innerhalb des konkreten Versuchsaufbaus.
In der Praxis: Mehr als ein weiteres Komfortargument
Für Augenoptiker bieten die Studie und das ClearMind-Portfolio eine interessante Möglichkeit, das Thema Sehkomfort im Beratungsgespräch neu zu beleuchten. Die Frage „Wie scharf sehen Sie?“ könnte im Beratungsgespräch um Fragen ergänzt werden wie: „Wie anstrengend fühlt sich das Sehen im Tagesverlauf an?“ Oder: „Gibt es Situationen, in denen Sie trotz guter Sehschärfe das Gefühl haben, stärker fokussieren zu müssen?“ Solche Fragen ersetzen keine Messung. Sie helfen aber, die Alltagserfahrung des Kunden präziser zu erfassen und die Glasberatung stärker an tatsächlichen Sehaufgaben auszurichten.
Die ZEISS Visual Perception Study liefert einen durchaus beachtenswerten wissenschaftlichen Hinweis: Brillenglasinduzierte Unschärfe kann nicht nur die optische Wahrnehmung, sondern auch die kognitive Verarbeitung beeinflussen. Die Daten sind kein Freifahrtschein für vollmundige Versprechen, aber ein starker Impuls für eine zeitgemäße Beratung. ClearMind macht aus dem bekannten Thema Sehkomfort ein neurowissenschaftlich begründetes Leistungsversprechen. Ob dieses im Alltag trägt, entscheidet sich letztlich nicht im Labor, sondern beim Kunden: an seiner Konzentration, seiner Ermüdung und daran, wie selbstverständlich sich gutes Sehen über den ganzen Tag anfühlt.
Quellen:
ZEISS Visual Perception Study 2025: Wie Unschärfe im Brillenglas die kognitive Belastung beeinflussen kann
Sauer, Y. et al.: „EEG Evidence for Increased Cognitive Demand from Defocus Blur“, Präsentation beim Vision Sciences Society Meeting 2026 in St. Pete Beach, Florida
Meinungsbasierte Umfrage unter Tragenden von ZEISS ClearMind Brillengläsern in Deutschland, Italien, Indien und China (N=298, Tragende von Einstärken-, Digital- und Gleitsichtgläsern), 2025, Carl Zeiss Vision International GmbH, DE (unveröffentlicht, Daten im Archiv, Top-2-Boxen)
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