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Blinde & sehende Menschen im Vergleich: Wie fehlende Sehreize die Gehirnstruktur verändern

Was passiert im Gehirn, wenn ein Mensch von Geburt an nicht sehen kann? Eine aktuelle Studie zeigt: Der für das Sehen zuständige Bereich des Gehirns entwickelt sich anders als bei sehenden Menschen. Er ist nicht „geschädigt“, sondern übernimmt teilweise andere Aufgaben. Eine wichtige Rolle könnte dabei die geringere Bildung von Myelin spielen – einer Schutzschicht um Nervenfasern. Die Untersuchung stammt von Forschenden der Jagiellonen-Universität in Krakau und des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Veröffentlicht wurde sie in der Fachzeitschrift Science Advances.

Blinde & sehende Menschen im Vergleich: Wie fehlende Sehreize die Gehirnstruktur verändern
Bild: © CDC / Unsplash

Warum sich das Gehirn bei angeborener Blindheit anders entwickelt

Das Gehirn verändert sich besonders stark in den ersten Lebensjahren. Es passt sich laufend an die Erfahrungen an, die ein Mensch macht. Wer von Geburt an nicht sehen kann, erhält keine visuellen Reize. Das prägt auch den Bereich im Gehirn, der bei Sehenden Bilder verarbeitet: den visuellen Kortex.

Dieser Bereich bleibt bei blinden Menschen nicht ungenutzt. Frühere Forschung zeigt, dass Teile des visuellen Kortex bei ihnen beispielsweise Sprache, Gedächtnis oder komplexe Denkaufgaben unterstützen können. Das Gehirn nutzt die vorhandenen Ressourcen also anders.

Aktuelle Studie erklärt den scheinbar dickeren visuellen Kortex bei Blindheit

Schon länger ist bekannt, dass frühe Sehbereiche im Gehirn von Menschen mit angeborener Blindheit im MRT teilweise dicker wirken können. Lange vermutete man, dass das daran liegt, dass das Gehirn in der Kindheit weniger ungenutzte Nervenverbindungen abbaut. Diesen natürlichen „Aufräumprozess“ nennen Fachleute Pruning.

Die aktuelle Studie liefert nun eine weitere Erklärung: Die Grenze zwischen der grauen Hirnrinde und der darunterliegenden weißen Substanz kann im MRT anders aussehen, wenn dort weniger Myelin (eine Nervenfasern-Schutzschicht) vorhanden ist. Dadurch kann die Hirnrinde auf Bildern dicker erscheinen, ohne dass tatsächlich unbedingt mehr Hirngewebe vorhanden sein muss.

In der Untersuchung war dieser Unterschied bei der gemessenen Rindendicke vor allem in einem frühen Sehbereich, dem sogenannten V2, deutlich. In den Bereichen V1 und V3 waren die Unterschiede zwischen blinden und sehenden Teilnehmenden nicht statistisch eindeutig.

Myelin: Die Isolierung für schnelle Signale im Gehirn

Myelin ist eine fettreiche Schicht, die viele Nervenfasern umhüllt. Man kann sie mit der Isolierung eines Stromkabels vergleichen: Sie hilft dabei, dass elektrische Signale zuverlässig und schnell weitergeleitet werden.

Die Forschenden fanden bei den blinden Teilnehmenden mehrere Hinweise darauf, dass im frühen visuellen Kortex weniger Myelin vorhanden sein könnte. Auch in der weißen Substanz direkt unter diesem Hirnbereich zeigte sich ein ähnliches Muster.

Wichtig: Die Studie hat Myelin nicht direkt gemessen. Die Ergebnisse beruhen auf speziellen MRT-Messungen, die Rückschlüsse auf die Zusammensetzung und Struktur des Gehirngewebes erlauben. Deshalb sprechen die Forschenden von Hinweisen auf eine geringere Myelinisierung – nicht von einem endgültigen direkten Nachweis.

Wie die Studie das Gehirn bei Blindheit untersucht hat

An der Studie nahmen 24 Menschen teil, die von Geburt an blind sind, sowie 24 sehende Vergleichspersonen. Beide Gruppen waren bei Alter und Geschlecht vergleichbar. Die Teilnehmenden wurden mit besonders leistungsfähigen MRT-Geräten in Leipzig untersucht.

Die Forschenden konzentrierten sich auf die ersten Verarbeitungsstufen des Sehens im Gehirn. Dabei kombinierten sie unterschiedliche MRT-Verfahren, um nicht nur die Dicke der Hirnrinde, sondern auch Eigenschaften des Gewebes darunter zu untersuchen.

Diese Kombination macht die Ergebnisse aussagekräftiger als eine Untersuchung, die nur die Hirnrindendicke betrachtet. Sie kann aber weiterhin nicht mit Sicherheit klären, welche Veränderungen auf Ebene einzelner Zellen ablaufen.

Andere Denkaufgaben: Was der visuelle Kortex bei angeborener Blindheit zusätzlich leisten kann

Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass das Gehirn blinder Menschen weniger leistungsfähig ist. Sie zeigen vielmehr, dass sich der visuelle Kortex an eine Lebenswelt ohne Seheindrücke anpasst.

In der Studie fanden sich die beschriebenen Unterschiede nicht in den untersuchten Bereichen für Hören, Tasten und Bewegung. Das spricht dafür, dass die Veränderungen besonders mit dem fehlenden visuellen Input zusammenhängen und keine allgemeine Veränderung des gesamten Gehirns darstellen.

Der visuelle Kortex blinder Menschen ist daher nicht einfach beeinträchtigt. Er ist strukturell anders organisiert und kann andere Funktionen unterstützen.

Studie zu angeborener Blindheit: Weniger Myelin verändert den visuellen Kortex

Die Studie zeigt, wie stark Erfahrungen die Entwicklung des Gehirns beeinflussen. Sie beantwortet jedoch nicht, ob oder wie sich Blindheit medizinisch behandeln lässt. Auch sagt sie nichts darüber aus, ob sich die beschriebenen Veränderungen durch optische Hilfsmittel, Rehabilitation oder andere Maßnahmen verändern lassen.

Außerdem war die Studie mit insgesamt 48 Personen vergleichsweise klein. Untersucht wurden ausschließlich Menschen mit angeborener Blindheit. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht automatisch auf Menschen übertragen, die ihr Sehvermögen erst später im Leben verloren haben.

Bei angeborener Blindheit entwickelt sich der visuelle Kortex anders als bei sehenden Menschen. Die aktuelle Studie liefert Hinweise darauf, dass eine geringere Myelinisierung dazu beiträgt, dass die Hirnrinde im MRT teilweise dicker erscheint. Ein verminderter Abbau von Nervenverbindungen ist damit nicht widerlegt, aber offenbar nicht die einzige oder wichtigste Erklärung. Das Entscheidende ist: Anders bedeutet nicht schlechter. Das Gehirn passt sich an fehlende Seheindrücke an und nutzt den visuellen Kortex teilweise für andere Aufgaben.

Studie: Anna-Lena Stroh et al., Congenital blindness reduces myelination in human visual cortex.Sci. Adv.12,eaec2348(2026).DOI:10.1126/sciadv.aec2348

Pressemitteilung: Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig: “Das Gehirn blinder Menschen reorganisiert sich anders als bisher angenommen”

Christoph Hillermann-Giannoutsos