Anzeige
Wissen

Nobelpreis für Optogenetik: Wie Blinde wieder sehen könnten

Der Medizin-Nobelpreis 2026 geht an zwei Deutsche und einen Amerikaner. Sie haben eine Methode entwickelt, mit der sich Zellen per Licht steuern lassen. Das könnte blinden Menschen helfen, zumindest einen Teil ihres Sehvermögens zurückzubekommen. Erste Studien zeigen, dass das grundsätzlich möglich ist. Der Preis geht an Peter Hegemann, Georg Nagel und Karl Deisseroth. Die Nobelversammlung am Karolinska Institutet in Stockholm gab die Entscheidung am 5. Oktober bekannt. Ausgezeichnet wird die Methode zunächst als Werkzeug der Hirnforschung. Sie trägt den Namen Optogenetik. Aber wie könnte sie Blinden helfen?

Optogenetik Nobelpreis 2026: Verändern lichtgesteuerte Zellen die klassische Augenoptik
Illustrations: © Niklas Elmehed / The Nobel Committee for Physiology or Medicine. The illustrations are free to use for non-commercial purposes.

Medizin-Nobelpreis: Wer sind die Forscher hinter der Entdeckung?

Zwei der drei Preisträger arbeiten in Deutschland: Peter Hegemann, geboren 1954, promovierte 1984 am Max Planck Institut für Biochemie in Martinsried bei München. Heute ist er Professor für Neurowissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin.

Georg Nagel, geboren 1953, promovierte 1988 an der Universität Frankfurt und ist Professor für Molekulare Pflanzenphysiologie an der Universität Würzburg. Die ausgezeichneten Entdeckungen gelangen laut Nobelversammlung an den Max Planck Instituten in Martinsried und Frankfurt. Karl Deisseroth, geboren 1971, forscht an der Stanford University in den USA als Professor für Bioengineering sowie für Psychiatrie.

Am Anfang stand eine einfache Frage: Hegemann wollte wissen, wie eine winzige Grünalge auf eine Lichtquelle zuschwimmt. Anfang der 2000er Jahre fanden er und Nagel dafür ein Protein auf der Zelloberfläche der Alge, das Kanalrhodopsin.

Optogenetik Nobelpreis 2026: Wie sollen Blinde damit wieder sehen können?

Aber wie könnte man diese Entdeckungen der Optogenetik-Forscher auf die Augenheilkunde übertragen? Bei manchen Erbkrankheiten der Netzhaut sterben die Sehzellen im Auge ab. Das ist die Schicht, die Licht in Nervensignale verwandelt. Die Zellen dahinter, die diese Signale zum Gehirn weiterleiten, bleiben dagegen oft erhalten. Sie sind nur nicht mehr aktiv, weil sie kein Licht mehr bekommen.

Hier setzt die Optogenetik an. Ärzte bringen hier den Bauplan für ein lichtempfindliches Protein in diese übrig gebliebenen Zellen. Sie sollen dadurch die Aufgabe der verlorenen Sehzellen übernehmen. Weil sie weniger empfindlich sind, braucht es dazu eine Spezialbrille mit Kamera. Sie filmt die Umgebung und gibt das Bild als starke Lichtimpulse an die Netzhaut weiter.

Wie das aussehen kann, zeigte 2021 eine Studie: Ein damals 58 Jahre alter Mann, der seit Jahrzehnten blind war, konnte der Keystone-SDA zufolge nach der Behandlung wieder Gegenstände erkennen und greifen. Nach einer mehrmonatigen Trainingsphase mit einer Spezialbrille war der Patient laut den behandelnden Ärzten wieder in der Lage, im Labor Gegenstände auf einem Tisch zu lokalisieren, zu berühren und zu zählen. Im Alltag habe er zudem starke Kontraste wie Türen, Telefone oder Zebrastreifen wahrnehmen können.

Obwohl dieses künstlich erzeugte Sehen vorerst rudimentär ist, nur eine geringe Auflösung bietet und keine Farben abbildet, stellt es für hochgradig sehbehinderte Menschen einen enormen medizinischen Fortschritt dar. Die Technologie zielt primär darauf ab, funktionales Sehen wiederherzustellen, wenn klassische refraktive Lösungen zur rein optischen Brechkraftkorrektur wirkungslos bleiben.

Wie funktioniert Optogenetik genau?

Zurück zur Theorie dahinter: Das von Hegemann und Nagel erforschte Kanalrhodopsin ist ein lichtgesteuerter Ionenkanal, also eine winzige Pore in der Zellmembran. Trifft blaues Licht darauf, öffnet sie sich. Geladene Teilchen (Ionen) strömen in die Zelle und lösen einen elektrischen Impuls aus. Hegemann und Nagel stellten fest, dass Zellen jeder Art lichtempfindlich werden, sobald sie dieses Protein tragen.

Deisseroth übertrug das Prinzip auf Nervenzellen. Er schleuste das Gen für das Protein in Nervenzellen von Ratten ein und löste mit blauem Licht ein Nervensignal aus, wie es heißt. Das veröffentlichte er bereits 2005. Zwei Jahre später funktionierte der Lichtschalter auch im Gehirn lebender Mäuse. Laut Nobelversammlung lässt sich damit untersuchen, wie Nervenzellen Erinnerungen, Gefühle und Verhalten formen. Per Svenningsson, Vorsitzender des Nobelkomitees, sagte, die Methode erlaube es, das Gehirn so zu kartieren, wie man es einst nur erträumen konnte.

Für das Auge nutzt man zum Einbringen des Gens ein unschädlich gemachtes Virus als Transportmittel. Behandelt werden etwa Menschen mit Retinitis pigmentosa, einer erblichen Netzhauterkrankung, bei der die Sehzellen unwiderruflich absterben. Das Gen gelangt dabei in verbliebene Nervenzellen der Netzhaut, zum Beispiel die Ganglienzellen, die das Bild zum Gehirn weiterleiten. Der Seheindruck bleibt vorerst einfach: eine geringe Auflösung, vor allem starke Kontraste.

Bence György vom Institut für Molekulare und Klinische Ophthalmologie Basel nannte den Preis gegenüber der Agentur “extrem wichtig”. Das Institut sei bei der therapeutischen Anwendung weltweit führend. Er hofft, dass Entwicklungen dadurch schneller bei Patienten ankommen. Dass Betroffene irgendwann wieder Gesichter erkennen oder lesen könnten, hält er für möglich. Die Methode müsse dafür aber weiterentwickelt werden.

Der Nobelpreis ehrt Grundlagenforschung, keine fertige Therapie. Dass die Optogenetik blinden Menschen helfen könnte, ist aber nicht mehr nur Theorie, sondern in ersten Studien gezeigt. Bis zu einer breiten Versorgung dürfte es noch dauern, doch der Preis rückt das Feld stärker in den Blick.

Quellen: Press release – The Nobel Prize in Physiology or Medicine 2026 is awarded for optogenetics “Light-seeking algae gave us a switch for nerve cells”

Medizin – Lichtschalter für das Gehirn: Medizin-Nobelpreis an zwei Deutsche und einen US-Forscher (Deutsches Ärzteblatt)

Basler Forschende wollen mit Optogenetik Blinden Sehen ermöglichen

Christoph Hillermann-Giannoutsos