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PFAS-Verbot: Was heißt das eigentlich für die Augenoptik-Branche?

Die EU möchte eine riesige Gruppe von Chemikalien verbieten, die unter anderem bei der Herstellung von Brillengläsern und Kontaktlinsen eingesetzt werden: PFAS. Das Problem: Diese Stoffe bauen sich in der Umwelt kaum ab und reichern sich über Jahre in Wasser, Boden und teilweise im menschlichen Körper an. Nun hat SPECTARIS jedoch eine Studie eingereicht, welche die Gegenposition unterstreicht: Moderne Müllverbrennungsanlagen würden die in der Augenoptik verwendeten Stoffe fast vollständig zerstören: Die bisherigen Annahmen der EU zu deren Umweltrisiko seien zu pessimistisch. Was nun?

PFAS-Verbot - Was heißt das eigentlich für die Augenoptik-Branche
Bild mit KI erstellt.

Das Thema PFAS-Verbot betrifft die Augenoptik-Branche und das Sortiment ziemlich direkt. Denn PFAS stecken in vielen Brillenglas-Beschichtungen und in weichen Kontaktlinsen: Letztere bestehen bis zu 100 Prozent aus sogenannten Fluorpolymeren, einer Untergruppe der PFAS-Stoffe. Der Industrieverband SPECTARIS warnt daher davor, diese Gruppe pauschal zu verbieten – das würde zu Lasten der Lebensdauer, des Tragekomforts, der Sicherheit und der Qualität der Produkte gehen. Aber was genau sind überhaupt PFAS?

Was steckt hinter der Abkürzung PFAS?

PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, eine riesige Gruppe von mehr als 10.000 künstlich hergestellten Chemikalien. Bekannt wurden sie unter dem Namen „Ewigkeitschemikalien”, weil sie sich in der Umwelt kaum abbauen und sich über Jahre in Boden, Wasser und teilweise im menschlichen Körper anreichern können. Einzelne PFAS-Vertreter wie PFOA oder PFOS stehen im Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein und wurden bereits stark eingeschränkt.

Zur selben großen Stoffgruppe zählen aber auch Fluorpolymere, zu denen etwa das bekannte Teflon (PTFE) gehört. Sie werden in Medizintechnik, Labortechnik, Halbleiterfertigung und eben auch in der Optik eingesetzt, unter anderem für funktionale Beschichtungen auf Brillengläsern. Diese sorgen dafür, dass Gläser Wasser und Fett abweisen, weniger beschlagen und sich leichter reinigen lassen. Kontaktlinsen gehen noch einen Schritt weiter: Weiche Kontaktlinsen können laut SPECTARIS zu einem erheblichen Anteil aus Fluorpolymeren bestehen, die direkt für Sauerstoffdurchlässigkeit, Tragekomfort und Stabilität des Materials verantwortlich sind.

Genau hier liegt der Kern der aktuellen Debatte: Ist es sinnvoll, so unterschiedliche Stoffe wie ein hochgiftiges Einzelmolekül und ein stabiles, in dünner Schicht aufgetragenes Polymer regulatorisch über einen Kamm zu scheren?

Darum geht es bei der EU-Beschränkung der PFAS-Gruppe

Bereits 2023 haben fünf europäische Staaten, darunter Deutschland, bei der Europäischen Chemikalienagentur ECHA den Entwurf für eine umfassende PFAS-Beschränkung eingereicht. Die Idee dahinter: Weil sich PFAS in der Umwelt anreichern und die Folgekosten für Wasseraufbereitung und Gesundheit langfristig hoch sein können, sollen sie dort verschwinden, wo sie nicht zwingend notwendig sind. Für Anwendungen, bei denen es aktuell keinen gleichwertigen Ersatz gibt, sind Ausnahmen und Übergangsfristen vorgesehen. Das Verfahren befindet sich derzeit in einer entscheidenden Phase: Die ECHA wertet über 3.200 eingereichte Stellungnahmen aus, die abschließende fachliche Bewertung des zuständigen Ausschusses wird bis Ende dieses Jahres erwartet.

So positioniert sich SPECTARIS

SPECTARIS vertritt als Industrieverband rund 400 Unternehmen aus Optik, Photonik, Medizin- und Labortechnik, darunter auch zahlreiche Hersteller von Brillengläsern und Kontaktlinsen. Der Verband sagt nicht, dass PFAS grundsätzlich unbedenklich seien. Seine Position lautet vielmehr, dass die Stoffgruppe zu heterogen ist, um sie pauschal zu regulieren, und dass Fluorpolymere aufgrund ihrer besonderen chemischen Eigenschaften separat bewertet werden sollten.

Die neue Studie liefert dafür ein zusätzliches Argument bei der Entsorgung. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass moderne, normgerechte Verbrennungsanlagen Fluorpolymere unter realistischen Bedingungen zu 99,7 bis über 99,9999 Prozent zerstören beziehungsweise mineralisieren können.

Bei einem Fachvortrag im Frühjahr hat SPECTARIS-Geschäftsführer Jörg Mayer diese Argumentation bereits konkret auf die Augenoptik heruntergebrochen. Seine Kernaussage: Bei den rund 38 Millionen im Jahr 2023 in Deutschland abgegebenen Brillengläsern sei die PFAS-Menge pro Glas verschwindend gering, die Beschichtungen seien nur wenige Nanometer dünn und lägen weit unter den geltenden Grenzwerten.

Bei Kontaktlinsen verweist der Verband zudem auf funktionierende Rücknahmesysteme über die Augenoptik selbst. Ein pauschales Verbot hätte aus seiner Sicht vor allem Nachteile für Verbraucher: kürzere Lebensdauer der Produkte, mehr Abfall, den Wegfall von Beschlagschutz und damit auch ein Sicherheitsrisiko im Straßenverkehr, sowie höhere Kosten.

Kritischer Blick auf die SPECTARIS-Studie

So plausibel die Argumentation klingt, es lohnt sich, einen Schritt zurückzutreten. SPECTARIS ist keine neutrale Forschungseinrichtung, sondern die Interessenvertretung genau jener Unternehmen, die von einer Beschränkung wirtschaftlich betroffen wären. Die vorgestellte Studie wurde von einer Toxikologin erstellt, die von SPECTARIS beauftragt wurde, nicht von der ECHA oder einer unabhängigen staatlichen Stelle. Das macht die Ergebnisse nicht automatisch falsch, es bedeutet aber, dass sie als ein Beitrag im politischen Meinungsstreit zu lesen sind und nicht als abschließendes wissenschaftliches Urteil.

Auch das zentrale Sicherheitsargument der Branche lässt sich aus einer anderen Perspektive genau umgekehrt lesen. SPECTARIS betont, Fluorpolymere seien so chemisch stabil, dass sie kaum abgebaut werden und deshalb wenig Abrieb entsteht. Genau diese Langlebigkeit ist aber der Grund, warum Umweltbehörden und die vorschlagenden Staaten PFAS überhaupt regulieren wollen: Was sich nicht abbaut, reichert sich über Jahrzehnte in Wasser, Boden und Lebewesen an.

Aktueller Stand: Die direkten Folgen für die Augenoptik-Branche

Wichtig für die Augenoptik-Branche selbst: Der Ausgang des Ganzen ist noch offen. Es drohen aktuell keine akuten Verbote von Brillengläsern oder Kontaktlinsen. Die endgültige Entscheidung der ECHA wird gegen Ende des Jahres erwartet, und selbst danach sind großzügige Übergangsfristen üblich, damit Hersteller Rezepturen anpassen können.

Mittelfristig ist aber durchaus denkbar, dass sich bestimmte Beschichtungstechnologien verändern. Sollten fluorhaltige Antibeschlag- oder schmutzabweisende Schichten eingeschränkt werden, müssten Hersteller auf alternative Materialien umsteigen. Das könnte anfangs mit höheren Kosten, veränderten Oberflächeneigenschaften oder kürzeren Entwicklungszyklen einhergehen, bis sich neue Standards etabliert haben. Bei Kontaktlinsen, wo Fluorpolymere teilweise direkt Materialeigenschaften wie Sauerstoffdurchlässigkeit bestimmen, wird es für Hersteller womöglich schwieriger werden, Alternativen zu finden.

Florian Fait