Während in Teilen Ostasiens die Kurzsichtigkeit bei Kindern und jungen Erwachsenen weit verbreitet ist, bleibt die Lage in Deutschland nach einer Langzeituntersuchung bemerkenswert stabil. Zwischen 2001 und 2025 ließ sich bei Kindern und Jugendlichen kein Anstieg myoper Brillenverordnungen feststellen. Eine zweite Studie aus Shanghai zeigt zugleich, dass eine hochgradige Myopie auch nach dem Ende des Wachstumsalters weiter fortschreiten kann. Die Versorgungslage in Deutschland unterscheidet sich deutlich von der in Ostasien, und eine abgeschlossene Refraktionsentwicklung ist nicht mit einer unveränderten Augenstruktur gleichzusetzen.

Keine Myopie-Epidemie bei deutschen Kindern
Ein Forschungsteam der Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums Freiburg hat die Entwicklung der Refraktion bei Kindern und Jugendlichen über 25 Jahre ausgewertet. Die Ergebnisse erschienen im Fachmagazin „Frontiers in Public Health“. Grundlage waren rund 1,25 Millionen anonymisierte Brillenverordnungen von etwa 437.700 Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis 18 Jahren, die zwischen Januar 2001 und Dezember 2025 erhoben worden waren.
Als kurzsichtig galten die untersuchten Personen bei einem sphärischen Äquivalent von −0,50 Dioptrien oder myopischer. Die Auswertung ergab keinen Anstieg der myopen Brillenverordnungen über den untersuchten Zeitraum. Der mittlere Refraktionswert verschob sich nach Angaben der Forschenden sogar leicht in Richtung Weitsichtigkeit. Die Wahrscheinlichkeit einer myopen Verordnung sank im Beobachtungszeitraum um 7,87 Prozentpunkte.
Die Befunde sprechen gegen die Annahme, dass sich eine Myopie-Epidemie in allen Regionen gleichermaßen entwickelt. In Deutschland blieb der Anteil kurzsichtiger Kinder und Jugendlicher demnach weitgehend konstant. Für Europa wird in der Studie zwar eine Prävalenz in der Größenordnung von rund 40 Prozent bei jungen Erwachsenen diskutiert, für deutsche Kinder und Jugendliche liegen die Zahlen jedoch darunter.
Myopie: Warum Ostasien anders betroffen ist
Die deutlich höheren Prävalenzraten in Ostasien führen die Freiburger Forschenden unter anderem auf frühe und intensive schulische Anforderungen zurück. Weniger Zeit im Freien bedeute zugleich weniger Aufenthalt im Tageslicht, der als schützender Faktor bei der Entwicklung von Kurzsichtigkeit im Kindesalter gilt. Die regionalen Unterschiede dürften jedoch nicht auf einen einzelnen Faktor zurückgehen, sondern auf das Zusammenspiel von Bildungssystem, Lebensweise und Umweltbedingungen.
Auch die Vermutung, die Corona-Pandemie oder die zunehmende Bildschirmnutzung könnten in Deutschland zu einem deutlichen Anstieg der Myopie geführt haben, fand in den Daten keine Bestätigung. Zwar war in einer früheren Analyse bei jüngeren Schulkindern während der Pandemiezeit vorübergehend eine myope Verschiebung beschrieben worden. In der Langzeitbetrachtung zeigte sich jedoch keine anhaltende Beschleunigung der Progression.
Die Datengrundlage begrenzt dennoch die Aussagekraft. Brillenverordnungen bilden die dokumentierte Versorgung und die erfassten Refraktionswerte ab, nicht zwangsläufig die tatsächliche Myopie-Prävalenz in der gesamten Bevölkerung. Veränderungen beim Untersuchungs- und Verordnungsverhalten könnten die Ergebnisse ebenfalls beeinflussen. Die Studie liefert daher wichtige Hinweise auf die Entwicklung in der augenoptischen Versorgung, ersetzt aber keine bevölkerungsweite Erhebung aller Sehfehler.
Kann hochgradige Myopie im Erwachsenenalter fortschreiten?
Dass Kurzsichtigkeit nicht zwangsläufig mit dem Jugendalter endet, zeigt eine Untersuchung aus Shanghai, die im „British Journal of Ophthalmology“ veröffentlicht wurde. Augenärzte werteten retrospektiv die Daten von 182 Personen im Alter von 18 bis 25 Jahren aus, die eine hochgradige Myopie mit einem zykloplegisch gemessenen sphärischen Äquivalent von −6,00 Dioptrien oder myopischer aufwiesen. In die Analyse gingen 345 Augen ein.
Bei 18,6 Prozent der Augen wurde eine Myopie-Progression im Erwachsenenalter festgestellt, definiert als eine jährliche Verschiebung des sphärischen Äquivalents um mindestens −0,50 Dioptrien. Bei 40,0 Prozent der Augen nahm die Achsenlänge jährlich um mindestens 0,10 Millimeter zu. Die Achsenlänge bezeichnet den Abstand zwischen dem vorderen und dem hinteren Augenpol. Eine übermäßige Verlängerung des Augapfels ist ein wesentlicher Mechanismus der axialen Myopie.
Mit zunehmendem Alter gingen sowohl die Rate der myopen Verschiebung als auch die Häufigkeit einer Achsenverlängerung deutlich zurück. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine hochgradige Myopie auch nach dem Ende des Wachstumsalters fortschreiten kann, jedoch nicht bei allen Betroffenen im gleichen Ausmaß.
Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Progression in dieser Altersgruppe und der Entwicklung einer pathologischen Myopie konnten die Forschenden nicht feststellen. Unter pathologischer Myopie versteht man eine ausgeprägte Form der Kurzsichtigkeit, bei der strukturelle Veränderungen an Netzhaut und Aderhaut auftreten können und das Risiko für Folgeerkrankungen steigt. Da die Nachbeobachtung kurz war, erlaubt die Studie nach eigener Aussage keine langfristige Einschätzung, ob eine fortschreitende Myopie im jungen Erwachsenenalter das Risiko pathologischer Veränderungen erhöht.
Was die Ergebnisse für die augenoptische Praxis bedeuten
Die stabilen deutschen Zahlen sprechen gegen einen pauschalen Anstieg der kindlichen Myopie in der untersuchten Versorgungspopulation. Sie entbinden Augenoptiker jedoch nicht davon, die individuelle Entwicklung kurzsichtiger Kinder aufmerksam zu verfolgen. Gerade im Kindesalter kann eine zunehmende Myopie regelmäßige Kontrollen und eine frühzeitige Abstimmung mit dem Augenarzt erforderlich machen.
Bei jungen Erwachsenen mit hochgradiger Kurzsichtigkeit verdient der weitere Verlauf ebenfalls Aufmerksamkeit. Eine vermeintlich stabile Sehstärke schließt eine zusätzliche Achsenverlängerung nicht aus. Für die Beratung ist es daher sinnvoll, zwischen einer unveränderten Refraktion und einer tatsächlich unveränderten Augenstruktur zu unterscheiden. Letztere lässt sich anhand der reinen Brillenglasbestimmung nicht beurteilen.
Die Freiburger Studie liefert keinen Beleg für einen Anstieg myoper Brillenverordnungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland zwischen 2001 und 2025. Die Untersuchung aus Shanghai zeigt dagegen, dass eine hochgradige Myopie auch bei jungen Erwachsenen weiter fortschreiten kann. Für die Augenoptik folgt daraus: Die Kurzsichtigkeit sollte weder als überall gleichermaßen zunehmendes Problem noch als mit dem Jugendalter abgeschlossene Entwicklung betrachtet werden. Entscheidend bleiben vor allem der dokumentierte individuelle Verlauf und die Beobachtung möglicher struktureller Veränderungen.
Studie: Farassat N, Heinrich SP, Lagrèze WA and Nagel N (2026) Temporal trends in refractive error among children and adolescents in Germany – a large-scale analysis of spectacle sales data from dispensing opticians from 2001 to 2025. Front. Public Health 14:1854832. doi: 10.3389/fpubh.2026.1854832
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