Beim Glaukom steht meist eine Zahl im Mittelpunkt: der Augeninnendruck. Dass dieser Wert im Tagesverlauf schwankt, ist bekannt. Eine Studie aus Japan legt nun nahe, dass auch das Wetter eine Rolle spielen könnte. Sinkt die Umgebungstemperatur, steigt bei Menschen mit primärem Offenwinkelglaukom offenbar der Augeninnendruck, und zwar selbst dann, wenn die Behandlung unverändert bleibt.

Glaukom: Was die Studie aus Kyoto untersucht hat
Eine Arbeitsgruppe der Kyoto Prefectural University of Medicine hat den Zusammenhang zwischen Umgebungstemperatur und Augeninnendruck bei Menschen mit primärem Offenwinkelglaukom analysiert, kurz POAG. Dabei handelt es sich um die häufigste Glaukomform. Das Kammerwasser (die klare Flüssigkeit, die das Auge versorgt) kann hier nicht mehr ausreichend abfließen, obwohl der Kammerwinkel (die Abflussstelle zwischen Hornhaut und Regenbogenhaut) offen ist. Die Ergebnisse erschienen 2026 im British Journal of Ophthalmology.
Die Forscher werteten die Krankenakten retrospektiv aus, also rückblickend anhand bereits vorhandener Daten. Erfasst wurden Menschen, die zwischen Januar 2012 und Dezember 2023 am Universitätsklinikum der Hochschule behandelt worden waren. Die Auswahlkriterien waren streng gefasst: Die Teilnehmer mussten älter als 40 Jahre sein, über mehr als drei Jahre mindestens dreimal jährlich untersucht worden sein und durften zuvor nicht am Auge operiert worden sein. Zudem durfte sich ihre Medikation gegen das Glaukom (in der Regel drucksenkende Augentropfen) nicht geändert haben. Damit sollte vermieden werden, dass Therapieanpassungen die Messwerte verzerren.
In die abschließende Analyse gingen 2.655 Augeninnendruckmessungen von 154 Augen bei 77 Personen ein. Das Durchschnittsalter lag bei 65,8 Jahren, die mittlere Beobachtungsdauer bei 5,2 Jahren.
Wie stark hängt der Augeninnendruck von der Temperatur ab?
Der Studie zufolge bestand ein signifikanter negativer Zusammenhang zwischen Umgebungstemperatur und Augeninnendruck. Je kälter es war, desto höher fiel der Druck tendenziell aus. Der Regressionskoeffizient (ein statistisches Maß dafür, wie stark sich ein Wert verändert, wenn sich ein anderer um eine Einheit verändert) betrug minus 0,029. Das Konfidenzintervall (der Bereich, in dem der wahre Wert mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit liegt) reichte von minus 0,045 bis minus 0,014. Der Effekt ist damit statistisch abgesichert, pro Grad Temperaturunterschied aber zahlenmäßig klein. Relevanz dürfte er vor allem über die große Spannweite der Jahreszeiten entfalten.
Erwartungsgemäß zeigte sich auch der mittlere Blutdruck als Einflussfaktor, und zwar mit positivem Vorzeichen (Regressionskoeffizient 0,021): Höherer Blutdruck ging mit höherem Augeninnendruck einher. Zudem hatten der Glaukomtyp, die Zahl der verwendeten Augentropfen und die Tageszeit einen signifikanten Einfluss. Auch bei Verwendung der täglichen Durchschnittstemperatur ergab sich eine negative Assoziation (ein statistischer Zusammenhang, der noch nichts über Ursache und Wirkung aussagt).
Warum ein schweres Glaukom besonders betroffen ist
Aufschlussreich ist die Subgruppenanalyse (die gesonderte Auswertung einer Teilgruppe der Studienteilnehmer). Bei Menschen mit schwerem Glaukom fiel der Zusammenhang deutlich stärker aus: Der Regressionskoeffizient lag bei minus 0,052, das Konfidenzintervall bei minus 0,079 bis minus 0,025, der p-Wert bei 0,002. Der p-Wert gibt an, wie unwahrscheinlich ein solches Ergebnis wäre, wenn in Wahrheit gar kein Zusammenhang bestünde; je kleiner er ausfällt, desto belastbarer ist der Befund. Die Reaktion des Augeninnendrucks auf die Umgebungstemperatur sei bei schwerem Glaukom signifikant, heißt es in der Veröffentlichung. Die Autoren regen deshalb an, diesen Faktor in eine umfassende Behandlungsstrategie einzubeziehen.
Grenzen der Aussagekraft: Teilweise Lebensstilfaktoren nicht berücksichtigt
Die Arbeitsgruppe benennt selbst eine wesentliche Einschränkung. Wegen des retrospektiven Designs konnten Lebensstilfaktoren wie körperliche Aktivität oder Adipositas (starkes Übergewicht) sowie Blutwerte nicht berücksichtigt werden. Auch die vergleichsweise kleine Zahl von 77 Personen aus einem einzelnen Zentrum setzt der Übertragbarkeit der Ergebnisse Grenzen. Ob sie sich auf Regionen mit anderem Klima oder anderen Lebensgewohnheiten übertragen lassen, müssten weitere Untersuchungen zeigen. Die Forscher betonen dennoch, die Umgebungstemperatur sei bei stabil medikamentös behandeltem POAG einer der unabhängigen Faktoren gewesen, die signifikant negativ mit dem Augeninnendruck zusammenhingen.
Die Studie aus Kyoto liefert keinen Anlass zur Beunruhigung, wohl aber einen nützlichen Baustein für das Verständnis des Glaukoms. Der Effekt der Temperatur ist messbar, aber klein, und die Datenbasis bleibt wegen des rückblickenden Ansatzes und der überschaubaren Fallzahl begrenzt. Bei schwerem Glaukom könnte er allerdings klinisch bedeutsamer sein (also im Behandlungsalltag stärker ins Gewicht fallen). Ob sich daraus konkrete Konsequenzen für die Therapie ergeben, haben Augenärzte zu beurteilen. Für Optiker bleibt der Befund ein sachlicher Hinweis darauf, wie vielschichtig der Augeninnendruck von äußeren Einflüssen abhängt.
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