Künstliche Intelligenz verändert auch den Schulalltag: Einerseits werden KI-Anwendungen vielerorts bereits als Lernhilfe genutzt, andererseits wächst die Sorge vor einem möglichen Missbrauch bei Prüfungen. Statt klassischer Spickzettel könnten inzwischen KI-Brillen, Scan-Stifte oder nahezu unsichtbare Mini-Kopfhörer zum Einsatz kommen. Nach Diskussionen um einen möglichen „Abitur mit KI“-Einsatz in Bayern rückt nun auch in Baden-Württemberg die Frage in den Fokus, wie Schulen auf die neuen technischen Möglichkeiten reagieren. Dabei zeigt sich: Die Debatte betrifft nicht nur Bildungspolitik und Prüfungsrecht, sondern aufgrund von Smart Glasses auch die Augenoptik.

KI-Brillen & smarte Geräte: Neue Formen von Prüfungsbetrug durch KI
Schüler waren schon immer kreativ, wenn es ums Schummeln geht. Und KI eröffnet nun völlig neue Möglichkeiten. Besonders im Fokus stehen KI-Brillen wie z.B. die Ray-Ban Meta. Diese können mit kleinen Kameras ausgestattet sein, Texte erfassen und – je nach Modell – Informationen visuell oder akustisch bereitstellen. Die eigentliche Datenverarbeitung erfolgt in der Regel über ein verbundenes Smartphone, das die Verbindung zu einer KI-Anwendung herstellt.
Neben KI-Brillen existieren weitere Geräte, die laut Experten für Täuschungsversuche infrage kommen könnten. Dazu zählen Scan-Stifte mit integrierter Kamera, die Texte erfassen und mithilfe künstlicher Intelligenz übersetzen oder Rechenaufgaben lösen. Ebenso kommen KI-Pins oder versteckte Kameras in Kombination mit nahezu unsichtbaren Mini-Kopfhörern infrage, über die Lösungen übertragen werden könnten.
Die technische Entwicklung macht es Aufsichtspersonen zunehmend schwer, klassische von intelligenten Geräten zu unterscheiden. Zwar fallen manche KI-Brillen durch etwas breitere Bügel oder ein höheres Gewicht auf, äußerlich orientieren sich viele Modelle jedoch bewusst an gewöhnlichen Alltagsbrillen.
KI-Betrug an Schulen: Bisher kaum bestätigte Fälle im Abitur
Nach den Diskussionen um das schriftliche Abitur in Bayern reagieren Lehrerverbände in Baden-Württemberg vergleichsweise gelassen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft spricht von übertriebener Alarmstimmung. Es gebe nach eigenen Angaben keine Hinweise darauf, dass die diesjährigen Abiturprüfungen flächendeckend mithilfe von KI manipuliert worden seien.
Auch der Philologenverband Baden-Württemberg berichtet lediglich von einzelnen Verdachtsfällen. Sollten Lehrkräfte auffällige sprachliche Brüche oder ungewöhnliche Argumentationsmuster feststellen, werde diesen Hinweisen laut Verband sorgfältig nachgegangen.
Ein öffentlich bekannt gewordener Fall sorgte dennoch für Aufmerksamkeit: Eine Abiturientin aus Stuttgart geriet während ihrer Französischprüfung unter Verdacht, eine KI-Brille zu verwenden. Ihre Brille wurde mehrfach kontrolliert. Der Vorwurf ließ sich jedoch nicht bestätigen. Die Schülerin erklärte gegenüber dem SWR, sie trage die Brille bereits seit mehreren Jahren und habe sie während der Prüfung kaum getragen. So konkret unter Verdacht zu stehen, mit einem KI-Tool zu betrügen, habe die 18-Jährige aufgewühlt: “Ich habe sehr viel für die Prüfungen gelernt.” Der Fall verdeutlicht, wie schwierig die Abgrenzung zwischen berechtigter Kontrolle und unbegründetem Verdacht sein kann.
Maßnahmen gegen KI-Betrug in Prüfungen: WLAN, Scanner und Kontrollen
Vor dem Hintergrund neuer technischer Möglichkeiten prüfen Schulen verschiedene Gegenmaßnahmen. Diskutiert wird unter anderem das Abschalten des schulischen WLANs. Nach Einschätzung von Experten dürfte dieser Ansatz allerdings nur begrenzte Wirkung entfalten. Viele Systeme würden über mobile Daten kommunizieren und seien daher nicht auf das Schulnetz angewiesen.
Als wirksamer gelten technische Kontrollen während der Prüfungen. So könnten Frequenzscanner oder Funkmessgeräte erkennen, ob sich aktive Mobilfunk- oder Bluetooth-Verbindungen im Prüfungsraum befinden. Denkbar wären außerdem Räume mit eingeschränktem Mobilfunkempfang oder stichprobenartige Kontrollen elektronischer Geräte.
Der KI-Experte Professor Dr. Thomas Kessel von der Dualen Hochschule Baden-Württemberg hält insbesondere Stichproben für sinnvoll. Seiner Einschätzung nach könnten zufällige Kontrollen bereits eine abschreckende Wirkung entfalten. Aufwendige Maßnahmen wie Störsender oder flächendeckende Funkscanner sollten seiner Auffassung nach lediglich das letzte Mittel darstellen.
Frequenzscanner an Schulen: Erste Einsätze gegen digitalen Prüfungsbetrug
Ein konkretes Beispiel liefert die Wilhelm-Röpke-Schule in Ettlingen. Dort kamen während der diesjährigen Abiturprüfungen erstmals Frequenzscanner zum Einsatz. Die Geräte überprüften den Prüfungsraum auf aktive Funkverbindungen. Nach Angaben der Schule waren zuvor mehrfach Täuschungsversuche mit KI-gestützten Hilfsmitteln bei Klassenarbeiten festgestellt worden.
Die Prüflinge seien vor Beginn der Prüfungen über den Einsatz der Technik informiert worden. Ziel sei es gewesen, mögliche Täuschungsversuche bereits im Vorfeld zu verhindern. Während der Abiturprüfungen wurden nach Angaben der Schule keine unerlaubten Verbindungen festgestellt.
KI-Brillen in der Augenoptik: Herausforderungen für Optiker & Branche
Für Augenoptiker eröffnet die Entwicklung ein neues Spannungsfeld: Intelligente Brillen bieten unabhängig vom Bildungsbereich Funktionen wie Navigation, Übersetzung, Fotografie oder den Zugriff auf KI-Assistenten und werden zunehmend alltagstauglich.
Gleichzeitig wächst die öffentliche Sensibilität für mögliche Missbrauchsszenarien. Für die Branche bedeutet dies, dass klassische Sehhilfen und smarte Wearables künftig stärker voneinander abgegrenzt werden müssen. Eine transparente Beratung über Funktionen, Einsatzmöglichkeiten und technische Grenzen dürfte daher an Bedeutung gewinnen.
Auch Hersteller werden sich voraussichtlich verstärkt mit Fragen des Datenschutzes, der Kennzeichnung und der gesellschaftlichen Akzeptanz intelligenter Brillen auseinandersetzen müssen.
Zukunft der Prüfungen: Wie KI sinnvoll in Schule und Abitur integriert wird
Unabhängig von technischen Kontrollmaßnahmen zeichnet sich bereits ein grundlegender Wandel im Bildungsbereich ab. Lehrerverbände und Kultusverwaltung arbeiten daran, künstliche Intelligenz stärker in Unterricht und Prüfungen einzubinden. Künftig könnten weniger reine Wissensabfragen im Mittelpunkt stehen. Stattdessen würden Problemlösungskompetenz, eigenständige Argumentation und persönliche Reflexion stärker gewichtet.
Auch der Landesschülerbeirat spricht sich für einen konstruktiven Umgang mit KI aus. Schüler sollten lernen, die Technologie verantwortungsvoll einzusetzen, anstatt sie ausschließlich als Betrugswerkzeug wahrzunehmen. Prüfungsformate müssten sich dieser Entwicklung anpassen, wie es aus dem Gremium heißt.
KI-Brillen und andere intelligente Hilfsmittel verändern die Diskussion über Prüfungssicherheit grundlegend. Flächendeckende Betrugsfälle sind bislang zwar nicht belegt, dennoch reagieren Schulen bereits mit technischen Kontrollen und neuen Sicherheitskonzepten. Langfristig dürfte jedoch weniger die Überwachung als vielmehr die Weiterentwicklung der Prüfungsformate entscheidend sein.
Quelle: KI statt Spickzettel: Was können Schulen gegen Betrug in Prüfungen tun?






