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Entspiegelung im Vergleich: Welcher Brillenglashersteller hat die Nase vorn?

Entspiegeln kann heute jeder Brillenglashersteller, und jeder nennt seine Top-Beschichtung die beste. Doch die Ansätze könnten unterschiedlicher kaum sein: Die einen jagen den niedrigsten Reflexionsgrad, die anderen die neutralste Restreflexfarbe, die dritten setzen auf Härte und Pflege. Wer entspiegelt also wirklich am besten?

Entspiegelung im Vergleich - Welcher Brillenglashersteller hat die Nase vorn
Hinweis: Diese Grafik wurde mit KI erstellt und dient ausschließlich der Veranschaulichung.

Grüner Schimmer im Videocall: Warum Entspiegelung wieder ein Thema ist

Lange galt die Entspiegelung als erledigt. Superentspiegelt, grüner Restreflex, fertig. Doch dann kamen Videokonferenzen, Ringlichter und Selfies, und plötzlich sieht jeder Brillenträger auf dem eigenen Bildschirm, was sein Gegenüber schon immer gesehen hat: zwei grünlich schimmernde Flecken, wo eigentlich die Augen sein sollten.

Die Hersteller haben das verstanden. In den vergangenen zwei Jahren kamen auffällig viele Beschichtungen auf den Markt, die nicht mehr mit „weniger Blendung“ werben, sondern mit Unsichtbarkeit. Zeit also für einen Vergleich.

Reflexionsgrad, Restreflexfarbe, Blickwinkel: Woran man gute Entspiegelung erkennt

Aber zunächst: Wie funktioniert Entspiegelung überhaupt? Ein unbeschichtetes Brillenglas spiegelt an jeder Fläche rund vier Prozent des Lichts zurück, bei hochbrechenden Materialien deutlich mehr. Entspiegelungen nutzen einen physikalischen Effekt namens Interferenz. Dafür werden im Vakuum mehrere hauchdünne Schichten auf das Glas aufgedampft, jede nur einige zehn bis gut hundert Nanometer dick, also rund tausendmal dünner als ein Haar. An jeder dieser Schichten wird ein kleiner Teil des Lichts reflektiert. Ist die Schichtdicke richtig gewählt, laufen diese Reflexe genau um eine halbe Wellenlänge versetzt zurück: Wellenberg trifft auf Wellental, und die Reflexe heben sich gegenseitig auf.

Der Haken: Eine einzelne Schicht entspiegelt nur einen schmalen Farbbereich wirklich gut. Erst ein ganzer Stapel aus Schichten, deren Materialien das Licht abwechselnd stark und schwach brechen, senkt die Reflexion über einen großen Teil des Spektrums.Völlig reflexfrei geht es physikalisch nicht. Mit endlich vielen Schichten lässt sich die Reflexion nie über das ganze sichtbare Spektrum auslöschen, irgendwo bleibt ein Rest übrig. Und der hat eine Farbe. Für den Vergleich zählen deshalb drei Dinge.

Erstens der Lichtreflexionsgrad Rv, also wie viel Licht das Glas zurückwirft, gewichtet nach der Empfindlichkeit des Auges. Gute Premiumschichten kommen auf rund 0,5 Prozent pro Fläche; Zeiss nennt diesen Wert etwa für DuraVision Platinum. Zweitens die Restreflexfarbe. Ausgerechnet das klassische Grün ist dabei eine unglückliche Wahl, denn ein grüner Schimmer auf dem Glas fällt dem Gegenüber stärker auf als ein blauer oder violetter. Für grünes Licht ist unser Auge nämlich am empfindlichsten.

Rodenstocks Innovationschef Dr. Dietmar Uttenweiler hat das 2024 gegenüber der DOZ ziemlich offen eingeräumt: Die Branche habe den Reflexionspeak jahrzehntelang genau dorthin gelegt, wo das Auge am sensibelsten ist. Inzwischen setzen fast alle Premiumschichten auf Blau, Violett, Gold oder möglichst neutral. Drittens die Stabilität über den Blickwinkel: Ein Reflex, der frontal dezent blau ist, kann seitlich ins Violette kippen. Für Fotos und das Gegenüber ist das oft wichtiger als ein Zehntelprozent Rv.

Platz 1: Crizal Natural Look von Essilor

Der frischeste Kandidat im Feld ist auch unser Spitzenreiter. Mit Crizal Natural Look hat Essilor 2026 eine Entspiegelung vorgestellt, die alle drei Stellschrauben gleichzeitig angeht: wenig Reflexion, wenig Farbe, wenig Farbwechsel über den Blickwinkel.

Über zwei Jahre hat das Unternehmen nach eigenen Angaben allein zur Restreflexfarbe geforscht, die Schichtfolge wurde mit KI-gestützter Software optimiert. In den USA startete die Beschichtung im April, in Großbritannien im September, in Frankreich im Oktober. In Deutschland ist sie noch nicht erhältlich, lange dürfte es hier aber auch nicht mehr dauern.

Komplett farblos ist Natural Look allerdings nicht. Ein US-Optiker, der im Fachforum OptiBoard die ersten Gläser mit der bisherigen Entspiegelung Sapphire HR verglichen hat, beschreibt den Reflex als zart blau-violett, noch etwas violetter als beim Vorgänger. Das Urteil der Kollegen fiel trotzdem eindeutig aus: sieht sehr gut aus. Kleiner Wermutstropfen: Essilor stützt seine Aussagen auf ein Expertenpanel mit 15 Personen, das nur eigene Crizal-Schichten verglichen hat. Einen Rv-Wert gibt es nicht. Trotzdem ist Natural Look aktuell womöglich der konsequenteste Ansatz für alle, die beim Gegenüber Augen statt Brillengläser sehen wollen.

Platz 2: Hoya Hi-Vision Meiryo und DAO noflex+

Wenn es um große Ansagen geht, macht Hoya niemand etwas vor. Hi-Vision Meiryo soll 56 Prozent weniger reflektieren als die beste Beschichtung des „Hauptwettbewerbers“, dazu 2,5-mal kratzfester sein und deutlich länger leicht zu reinigen bleiben. Gemessen wurde laut Hoya am Lichtreflexionsgrad Rv, der Restreflex ist blau. Wer genau der Hauptwettbewerber ist, verrät Hoya allerdings nicht, zudem beruhen die Daten auf internen Messungen von 2023.

In der Praxis landet Meiryo in einer Liga mit Essilors bisherigem Flaggschiff Sapphire HR, zeigt die Erfahrung vieler Augenoptiker. Spannend für deutsche Betriebe: Die DAO, seit Ende 2024 Teil von Hoya, bewirbt ihre Hyperentspiegelung noflex+, die auch bei den neuen Gleitsichtgläsern YOUnic zu tragen kommt, inzwischen ausdrücklich als „perfektioniert mit Hoya-Technologie“, mit konstant neutraler Restreflexfarbe über alle Indizes und drei Jahren Beschichtungsgarantie. Wer mit der DAO arbeitet, bekommt also Hoya-Know-how unter eigenem Namen.

Platz 3: Zeiss DuraVision Plus

Zeiss hat seine Beschichtungsfamilie im April 2026 komplett auf DuraVision Plus umgestellt. Alle Varianten tragen jetzt die CleanGuard-Technologie. Für die Entspiegelung entscheidend sind zwei Spitzenprodukte: Platinum UV mit dem bekannten hellblauen Restreflex und rund 0,5 Prozent Reflexion pro Fläche, und Gold UV, seit 2025 das Topmodell. Gold UV schimmert golden, reduziert gezielt die Reflexe im blauen Spektrum und kommt auf einen durchschnittlichen Bayer-Wert von 16. Zum Vergleich: Ab 10 gilt eine Beschichtung schon als sehr kratzfest.

Was Zeiss auszeichnet, ist die Datenlage. Statt nur Prozente gegenüber Unbekannt gibt es nachvollziehbare Kennwerte. Im Wettbewerb um die Unsichtbarkeit schafft es Zeiss trotzdem nicht ganz nach vorne: Den Goldschimmer vermarktet Zeiss ausdrücklich als modisches Statement, und in der hauseigenen Vergleichstabelle bekommen Gold und Platinum für die Entspiegelung dieselbe Bestnote. Wer „so unauffällig wie möglich“ sucht, greift also zu Platinum. Wer eine Brille für Baustelle, Kinderzimmer oder Fußballplatz braucht, ist mit Gold bestens bedient.

Platz 4 und 5: Rodenstock und Shamir

Rodenstock hat sich 2024 mit Solitaire LayR vom grünen Restreflex verabschiedet und setzt auf dezentes Blau. Die Begründung ist physiologisch sauber, die Zahlen klingen gut: 50 Prozent weniger sichtbare Reflexionen, 70 Prozent mehr Haltbarkeit. Allerdings jeweils im Vergleich zur eigenen Vorgängergeneration.

Shamir argumentiert mit Glacier Expression ungewöhnlich: über das Signal-Rausch-Verhältnis und 25 Prozent bessere Kontrastempfindlichkeit gegenüber einer Standardentspiegelung. Zum Launch 2022 war noch von bis zu 70 Prozent weniger Reflexion die Rede, auf der aktuellen Produktseite taucht diese Zahl nicht mehr auf. Ein spannender Ansatz, doch das Feld hat sich seitdem weiterbewegt.

Klein, aber fein: Entspiegelungen von Wetzlich, Nika und Tokai

Unauffällige Entspiegelung ist übrigens kein Privileg der Konzerne. Wetzlich aus Viersen bietet mit Saphir X Nuance schon seit 2021 einen beige-roséfarbenen Restreflex, der sich wie ein dezentes Make-up an den Hautton anpasst und bis zu 80 Prozent schwächer sein soll als eine klassische grüne Superentspiegelung. Nika hat auf der opti 2026 die neue Veredelung Perfect Invisible mit nahezu farblosem Restreflex vorgestellt. Und der japanische Hersteller Tokai legt den Reflex bei seiner NRC-Beschichtung bewusst ins Blau-Violette und will so den Reflexionsgrad auf etwa ein Viertel herkömmlicher Mehrfachentspiegelungen drücken. Für Betriebe, die sich abseits der großen Marken profilieren wollen, sind das echte Alternativen.

Der Haken: Es gibt keine unabhängigen Tests

Bei aller Begeisterung: Einen unabhängigen Labortest, der die Top-Entspiegelungen nebeneinander misst, gibt es bislang nicht. Jede Prozentzahl in den Prospekten bezieht sich auf eine andere Basis, mal auf den eigenen Vorgänger, mal auf eine „herkömmliche grüne Entspiegelung“, mal auf einen ungenannten Wettbewerber. 56 Prozent bei Hoya und 50 Prozent bei Rodenstock lassen sich deshalb nicht einfach gegeneinander aufrechnen. Unser Ranking ist lediglich der Versuch einer Einordnung – auf Basis von Herstellerdaten, der Qualität ihrer Belege und Erfahrungen aus der Praxis.

Immerhin: Ein US-Optiker, der Essilor, Zeiss, Hoya und Shamir führt, hat sich die Zeit für einen praktischen Test genommen. Er bringt es in seinem Vergleich auf den Punkt: Die Spitze liegt eng beieinander, und zwischen Basis- und Premiumschicht entscheidet sich viel erst im zweiten Tragejahr, wenn Hartschicht und Topcoat zeigen, was sie können.

Unser Tipp für die Beratung: das unbeschichtete Glas in der Schublade

Wer eine nahezu farblose Entspiegelung verkauft, sollte eines wissen: Kunden zweifeln schnell an einer Schicht, die sie nicht sehen. Es gab durchaus sehr farbneutrale Entspiegelungen am Markt, die wenig Anklang fanden, weil Träger glaubten, es sei gar keine drauf. Die Lösung ist denkbar einfach: ein unbeschichtetes Glas zum Vergleich bereithalten und beide nebeneinander unter die Ladenbeleuchtung halten. Der Aha-Moment verkauft die Beschichtung dann von selbst.

Und bei der Auswahl hilft eine Frage: Was ist dem Kunden wichtiger? Wer viel in Videocalls sitzt, randlose Fassungen trägt oder einfach gut auf Fotos aussehen will, profitiert von der neutralsten Schicht. Wer seine Brille strapaziert, ist mit maximaler Härte besser bedient. Und bei hochbrechenden Gläsern lohnt sich das Premium-Upgrade fast immer, weil sie ohne Beschichtung besonders stark spiegeln.

Wer entspiegelt nun am besten? Bei der reinen Unsichtbarkeit hat Essilor mit Crizal Natural Look 2026 die Nase vorn, Hoya ist mit Hi-Vision Meiryo dicht dran und über die DAO mit noflex+ auch unter zweitem Namen im deutschen Markt präsent. Zeiss liefert die solideste Datenbasis und das robusteste Gesamtpaket, Rodenstock einen physiologisch gut begründeten Ansatz. Wie groß die Abstände wirklich sind, kann jedoch nur ein unabhängiger Messvergleich zeigen. Bis dahin gilt für Augenoptiker: Muster bestellen, nebeneinanderlegen und den Kunden selbst schauen lassen.

Florian Fait