Diabetes-Medikamente wie Ozempic und Wegovy lassen viele Menschen mit starkem Übergewicht deutlich abnehmen. Doch die Mittel können auch die Augen treffen. In sehr seltenen Fällen stehen sie im Verdacht, einen plötzlichen Sehverlust auszulösen, und in den USA beschäftigt das bereits die Gerichte.

Worum geht es? Die Abnehmspritze kurz erklärt
Ozempic und Wegovy enthalten den Wirkstoff Semaglutid. Er ahmt ein Hormon nach, das der Darm nach dem Essen selbst bildet, auch bekannt als “GLP-1”. Dieses Hormon meldet dem Gehirn, dass man satt ist, und sorgt dafür, dass der Magen sich langsamer leert. Außerdem regt es die Bauchspeicheldrüse an, mehr Insulin auszuschütten. Deshalb wurden die Mittel zuerst gegen Diabetes Typ 2 eingesetzt. Heute nutzen sie auch viele Menschen mit Adipositas, also krankhaftem Übergewicht.
Dem NDR zufolge verlieren Adipositas-Patienten damit im Durchschnitt knapp 17 Prozent ihres Körpergewichts. Wer das Medikament absetzt, nimmt jedoch schnell wieder zu. Die Behandlung ist deshalb meist auf Dauer angelegt.
Engpässe: Wie kam es zur Knappheit der Spritzen?
Ozempic ist in der EU nur für Diabetes Typ 2 zugelassen. Weil es aber so gut beim Abnehmen hilft, greifen auch viele Menschen danach, die einfach Gewicht verlieren möchten. Ärzte verschreiben es dafür häufig auch außerhalb der Zulassung („off label“). Die Folge davon waren Lieferengpässe in den letzten Jahren, vor allem im Jahr 2024. Dem NDR zufolge gerieten dadurch Diabetespatienten in Gefahr, die auf das Medikament angewiesen sind. Der Adipositasexperte Jens Aberle vom Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf führt die Engpässe auf den Hype um die Spritze zur kosmetischen Gewichtsabnahme zurück. Inzwischen hat sich die Lage entspannt: Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hob am 18. März 2026 seine Empfehlungen zur Sicherung der Versorgung mit Ozempic auf.
Auch beim Zugang gibt es Unterschiede: Mittel zur Gewichtsabnahme wie Wegovy zahlen die gesetzlichen Kassen nicht, betroffene Patienten müssen sie also selbst bezahlen. Fachleute wie Luc Hagenaars von der Universität Amsterdam und Laura Schmidt von der University of California San Francisco warnen in der Zeitschrift Science, dass sich bald nur noch Wohlhabende die Therapie leisten könnten. Je mehr Menschen die Mittel nutzen, desto wichtiger wird ein Blick auf ihre Nebenwirkungen. Eine davon betrifft direkt das Auge.
Nebenwirkungen von Ozempic & Co.: Können Abnehmspritzen zu plötzlichem Sehverlust führen?
In sehr seltenen Fällen könnten Abnehmspritzen tatsächlich zu starkem Sehverlust führen, so legen es mehrere Studien nahe. Es geht um NAION, eine Durchblutungsstörung des vorderen Sehnervs, die man auch als akuten “Augeninfarkt” bezeichnet. Dies führt meist zu plötzlichem, schmerzlosem Sehverlust auf einem Auge. Wie wir bereits berichteten, hat die Europäische Arzneimittel Agentur EMA für Semaglutid einen ursächlichen Zusammenhang mit NAION anerkannt. Die Nebenwirkung gilt als „sehr selten“ und kann bis zu einen von 10.000 Behandelten betreffen.
Zwei neuere Studien stützen dieses Bild. Eine Registerstudie aus Dänemark und Norwegen mit mehr als 61.000 Semaglutid Anwendern mit Diabetes Typ 2 ermittelte ein etwa 2,8fach erhöhtes relatives Risiko. Absolut waren es aber nur rund 1,4 zusätzliche Fälle je 10.000 Personenjahre. Forscher der Rutgers University zählten in den Annals of Internal Medicine unter GLP-1 Mitteln innerhalb von 18 Monaten etwa drei bis vier zusätzliche Fälle je 10.000 Behandelte. Von 81 Fällen betrafen 69 Menschen über 50 Jahre (57 waren Männer). Die Rutgers Studie umfasste nur Menschen mit Diabetes Typ 2. Die Untersuchung der University of Alabama, über die wir bereits berichteten, sah das Risiko dagegen vor allem bei Menschen ohne Diabetes oder Adipositas erhöht.
Beide Untersuchungen sind Beobachtungsstudien und können keinen ursächlichen Zusammenhang beweisen. Bei den Rutgers Daten fehlten zudem wichtige Angaben wie das Körpergewicht.
US-Gerichte: Wie weit sind die Klagen gegen die Hersteller?
Abseits der EU hat in den USA der Verdacht der schweren Nebenwirkungen bereits die Gerichte erreicht: Seit dem 15. Dezember 2025 sind alle Bundesklagen wegen NAION in einem Sammelverfahren (MDL 3163) am Bundesgericht in Philadelphia gebündelt. Verklagt sind Novo Nordisk, Hersteller von Ozempic, Wegovy und Rybelsus, sowie Eli Lilly mit Trulicity, Mounjaro und Zepbound. Die Kläger werfen den Unternehmen vor allem vor, nicht ausreichend vor dem Risiko eines plötzlichen Sehverlusts gewarnt zu haben. Einem Gerichtsbeschluss zufolge waren es Mitte Juni 2026 noch 137 Fälle, inzwischen sprechen Anwaltskanzleien von mehr als 200.
Das Verfahren steht noch am Anfang. Am 2. Juli 2026 ordnete die zuständige Richterin an, zuerst zwei Grundsatzfragen zu klären: ob GLP-1 Medikamente NAION überhaupt auslösen können und ob Bundesrecht einen Teil der Warnhinweis Klagen ausschließt. Urteile, Vergleiche oder Prozesstermine gibt es bislang nicht. Novo Nordisk und Eli Lilly bestreiten die Vorwürfe. Ob ein Zusammenhang besteht, hat bislang kein Gericht entschieden.
In Europa ist die Lage anders: In Dänemark erkannte die Patientenentschädigungsbehörde vier von 43 Anträgen an. In Deutschland gibt es keine solche staatliche Regelung. Ansprüche müssen zivilrechtlich geltend gemacht werden.
Studienleiter Chintan Dave von der Rutgers University bezeichnet die NAION-Erkrankung trotz ihrer Seltenheit im Zusammenhang mit den Abnehmspritzen als klinisch bedeutsam. Er rät bei verschwommener Sicht, Verdunkelungen oder Gesichtsfeldausfällen zu einer raschen augenärztlichen Untersuchung. Der Augenarzt Dr. Daren Hanumunthadu rät außerdem, dass Patienten, die Semaglutid nutzen, ihren Augenarzt im besten Fall darüber informieren sollten, wie auch in unserem Artikel zu Diabetes und Sehschäden nachzulesen ist.
Die Abnehmspritzen sind ein großer medizinischer Fortschritt, doch ihr Einsatz wächst schneller, als die Datenlage zu den Augen. Das Risiko für den Sehnerv ist zwar gering, aber ernst zu nehmen. Ob es die Hersteller rechtlich belangbar macht, werden erst die US-Gerichte klären.
Quellen: GLP-1-Boom könnte Versorgungsgerechtigkeit bei Adipositas gefährden (Deutsches Ärzteblatt)
Ozempic: Für wen eignet sich die Abnehmspritze? (NDR)
Abnehmspritze: Studie findet seltenes Risiko für plötzlichen Sehverlust (Frankfurter Rundschau)
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