Die Digitalisierung hat die Augenoptik längst erreicht – in der Refraktion, in der Werkstatt, im Warenmanagement und immer mehr auch in der Kommunikation mit Kunden. Und allmählich verändert sich auch ein Bereich, der von festen und über viele Jahre kaum veränderten Abläufen geprägt ist: die Gesellenprüfung. Was in anderen Branchen bereits erprobt wird, hält inzwischen sichtbar Einzug in die Augenoptik. In Nordrhein-Westfalen und Südbayern fanden 2026 erstmals digitale Gesellenprüfungen statt, in Mannheim wurde das Format weiter ausgebaut.

Zunächst eine wichtige Einordnung: „Digital“ bedeutet nicht, dass Prüflinge von zuhause aus am Laptop teilnehmen. Die Prüfungen finden weiterhin zentral und unter Aufsicht statt – in Hallen, Veranstaltungszentren oder vergleichbaren Prüfungsorten. Der Unterschied liegt in der Durchführung. Aufgaben werden digital bereitgestellt, Antworten elektronisch erfasst und Prüfungen zentral gesteuert. Die klassische Präsenzprüfung bleibt also bestehen, erhält aber ein modernes technisches Fundament.
Premiere 2026: Erste digitale Augenoptik-Prüfungen in Bayern und NRW
In Südbayern wurde im März 2026 erstmals die Gesellenprüfung Teil 1 Theorie für Augenoptiker digital durchgeführt. Organisiert wurde sie vom Landesinnungsverband des Bayerischen Augenoptikerhandwerks, die technische Umsetzung übernahm das Unternehmen IQUL, das auf digitale Prüfungsformate spezialisiert ist. Die Teilnehmer meldeten sich mit ihrer Prüflingsnummer an den bereitgestellten Geräten an. Punktgenau um 9 Uhr wurde die Prüfung zentral freigeschaltet – zeitgleich für alle Kandidaten.
Wenige Wochen später fand die theoretische Gesellenprüfung Teil 1 auch in NRW zum ersten Mal digital statt. Insgesamt 329 Prüflinge absolvierten Ende März ihre Prüfung in der Stadthalle Hagen. Dass der Schritt nicht spontan erfolgte, betonte Ute Limberg, Geschäftsführerin des Augenoptiker- und Optometristenverbands NRW. Die Entscheidung für die digitale Form sei bereits zwei Jahre zuvor gefallen. Man habe bewusst einen Vorlauf geschaffen, damit Berufskollegs und Auszubildende sich auf das neue Format einstellen konnten.
Mannheim prüft Augenoptik-Gesellen erstmals digital zu Teil 2
In Mannheim wurden die digitalen Gesellenprüfungen in diesem Frühjahr bereits mit deutlich größerer Routine durchgeführt. In der Rheingoldhalle Mannheim fand die digitale Gesellenprüfung Teil 1 inzwischen zum dritten Mal statt – nach erfolgreichen Durchgängen in den Jahren 2024 und 2025. Und zum ersten Mal wurde in diesem Jahr auch Teil 2 durchgeführt. Geprüft wurden die Bereiche „Auge und Sehhilfe“ sowie „WiSo/PoWi“. Auch hier übernahm IQUL die Vorbereitung und Einrichtung der Prüfungsräume.
Technik, Ablauf, Vorbereitung: Was sich für Augenoptik-Azubis ändert
Dass solche digitalen Prüfungsformate erst nach und nach eingeführt werden, hat mehrere Gründe: Die Digitalisierung einer Prüfung besteht nicht allein darin, Papier durch Tablets oder Laptops zu ersetzen. Der technische Aufwand hinter einer solchen Prüfung ist nicht unerheblich. An den Standorten muss eine komplette Netzwerk-Infrastruktur aufgebaut werden, inklusive WLAN-Routern und Access Points, um die gesamte Halle stabil zu versorgen.
Außerdem verändern diese Ansätze auch Prüfungsabläufe, Vorbereitungsmethoden und letztlich auch die Art, wie Wissen abgefragt wird. In Nordrhein-Westfalen wurden deshalb im Vorfeld Informationsveranstaltungen angeboten. Zusätzlich stand eine digitale Übungsprüfung zur Verfügung, damit sich Prüflinge mit den verschiedenen Fragetypen und der Bedienung vertraut machen konnten.
Multiple Choice-Gesellenprüfung: zu leicht oder fair?
Die eigentliche Prüfung lief im Multiple-Choice-Verfahren ab. Das hat laut Michael Reith, verantwortlich für die Organisation der Gesellenprüfung beim AOV NRW, einen Vorteil, der in der öffentlichen Debatte oft übersehen wird: die sprachliche Fairness. Nicht jeder Prüfling habe Deutsch als Muttersprache, gleichzeitig hätten auch Muttersprachler mitunter Schwierigkeiten, Antworten frei zu formulieren. Im Mittelpunkt der Prüfung stehe jedoch die fachliche Kompetenz.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die klassische Fachkompetenz an Bedeutung verliert. Im Gegenteil. Die digitale Prüfung verändert vor allem die Form der Wissensabfrage, nicht jedoch die Anforderungen an das Wissen selbst. Gerade in einem technisch anspruchsvollen Beruf wie der Augenoptik bleibt das Verständnis optischer Zusammenhänge, physiologischer Grundlagen und versorgungsrelevanter Prozesse zentral.
Unterm Strich: Die digitale Gesellenprüfung verändert vor allem den Ablauf, nicht den Anspruch. Wissen muss weiterhin sicher beherrscht werden – nur die Art der Abfrage wird strukturierter und vergleichbarer. Für Betriebe und Auszubildende lohnt es sich in jedem Fall, sich frühzeitig mit dem Format vertraut zu machen, denn die Entwicklung hin zu digitalen Prüfungen wird sich in den kommenden Jahren weiter fortsetzen.
Quellen:
https://www.iqul.com/de/artikel/digitale-gesellenpruefung-der-augenoptiker-in-suedbayern
https://www.swav.de/aktuelles/digitale-gesellenpruefungen-in-der-augenoptik-erfolgreich-in-mannheim-durchgefuehrt/
https://www.handwerksblatt.de/handwerkspolitik/augenoptiker-erste-digitale-gesellenpruefung-in-nrw







