Trockene, brennende Augen werden oft als lästig, aber harmlos abgetan. Das sogenannte okuläre Sicca-Syndrom (chronisch trockene Augen) könnte jedoch in vielen Fällen ein frühes Warnzeichen für Autoimmunerkrankungen sein – also für Krankheiten, bei denen das Immunsystem den eigenen Körper angreift. Eine große taiwanesische Datenanalyse zeigt: Bei vielen Betroffenen treten die trockenen Augen mehrere Jahre auf, bevor die eigentliche Grunderkrankung überhaupt diagnostiziert wird.

Trockene Augen und Autoimmunerkrankungen: Besteht ein Zusammenhang?
Die Studienergebnisse, veröffentlicht als Forschungsbericht in der Fachzeitschrift JAMA Network Open, zeigen, dass scheinbar harmlose Beschwerden an der Augenoberfläche manchmal auf komplexe Prozesse im Immunsystem des ganzen Körpers hinweisen können.
Besonders häufig waren trockene Augen beim Sjögren-Syndrom, einer Autoimmunerkrankung, die vor allem Tränen‑ und Speicheldrüsen angreift. Aber auch bei rheumatoider Arthritis (entzündliche Gelenkerkrankung), Lupus (systemische Autoimmunerkrankung) und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa fand sich ein deutlich erhöhter Anteil von Patienten mit ausgeprägter Augentrockenheit. Frauen waren insgesamt deutlich häufiger betroffen als Männer.
Trockene Augen bei Autoimmunerkrankungen sind oft nicht nur „ein bisschen trocken“, sondern gehen mit stärkeren Entzündungen einher: Rötung, Schmerzen, Lichtempfindlichkeit und in schweren Fällen sogar Schäden an der Hornhaut, etwa Keratitis (Hornhautentzündungen) oder Hornhautulzera (tiefergehende Defekte in der klaren Oberfläche des Auges). Solche Komplikationen traten in der Studie besonders häufig beim Sjögren-Syndrom und bei bestimmten Gefäßentzündungen (Vaskulitiden) auf.
Früherkennung: Wann trockene Augen ernst genommen werden sollten
Im Durchschnitt wurde bei Betroffenen der Studie die chronische Augentrockenheit rund drei Jahre früher dokumentiert als die zugrunde liegende Autoimmunerkrankung – beim Sjögren-Syndrom sogar noch etwas früher. Für die Praxis bedeutet das: Wer unter hartnäckig trockenen, schmerzenden oder geröteten Augen leidet, sollte dies nicht einfach hinnehmen, sondern augenärztlich abklären lassen. Wenn zusätzlich andere Beschwerden hinzukommen – etwa Gelenkschmerzen, ungewöhnliche Müdigkeit, Mundtrockenheit, Hautausschläge oder chronische Bauchbeschwerden –, kann eine weitere Abklärung bei Hausarzt, Internist oder Rheumatologe sinnvoll sein.
Auch wenn die Studie durchaus ihre Grenzen hat und nicht alle Ursachen im Detail klären kann, sendet sie eine klare Botschaft: Trockene Augen sind nicht immer nur ein lokales Problem. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung – zum Beispiel mit Tränenersatzmitteln, entzündungshemmenden Tropfen und gezielter Lidrandpflege – kann Beschwerden lindern und helfen, die empfindliche Hornhaut zu schützen.
Zur Studie: Chen N, Huang Y, Sun C. Epidemiology of Dry Eye in Patients With Autoimmune Disease. JAMA Netw Open. 2026.

