Entzündungen im Körper stehen schon länger im Verdacht, an der Entstehung von Augenerkrankungen im Alter beteiligt zu sein. Zwei aktuelle Studien aus Asien liefern nun neue Hinweise darauf, dass systemische Entzündungen eine wichtige Rolle spielen könnten. Besonders auffällig ist dabei, dass die Einnahme bestimmter entzündungshemmender Medikamente mit einem geringeren Risiko für die altersbedingte Makuladegeneration (AMD) verbunden war.

Entzündungen und Makuladegeneration: Welche Rolle spielt das Immunsystem im Auge?
Die altersbedingte Makuladegeneration zählt zu den häufigsten Ursachen für Sehverschlechterungen im höheren Lebensalter. Bereits seit einiger Zeit gehen Forschende davon aus, dass chronische Entzündungsprozesse zur Entstehung und zum Fortschreiten der Erkrankung beitragen. Im Auge ist das Immunsystem besonders aktiv: Die Netzhaut enthält eigene Immunzellen wie Mikroglia, die bei Schädigung oder Ablagerungen reagieren und Entzündungsfaktoren ausschütten.
Zentral ist dabei das Komplementsystem, ein Teil des unspezifischen Immunsystems. Bei AMD-Betroffenen ist dieses System überaktiv – sowohl lokal in der Netzhaut als auch im gesamten Körper Blut zirkulierend. Diese dauerhafte, unterschwellige Entzündung führt zu erhöhten Spiegeln von Entzündungsfaktoren wie Interleukinen, VEGF und MCP-1 im Kammerwasser des Auges. Die Folge: Die Entzündungsreaktion schädigt die lichtempfindlichen Photorezeptoren und die zugrundeliegende Pigmentschicht, was langfristig zu Sehverlust führt.
Neue Daten aus Taiwan und China stützen diese Annahme und deuten darauf hin, dass systemische Entzündungen im gesamten Körper auch die Gesundheit der Netzhaut beeinflussen können.
Große Datenanalyse zeigt: Entzündungshemmer könnten AMD-Risiko senken
Ein Forschungsteam um Alan Hsu vom China Medical University Hospital in Taichung wertete die Daten von über 500.000 Menschen aus der TriNetX-Datenbank aus. Berücksichtigt wurden Personen, denen zwischen 2015 und 2024 nichtsteroidale Antirheumatika (NSAID) verschrieben worden waren und bei denen zuvor keine AMD diagnostiziert worden war. Diese Gruppe wurde mit einer ähnlich großen Kontrollgruppe ohne entsprechende Verordnung verglichen.
Die Auswertung zeigte über verschiedene Zeiträume hinweg einen signifikanten Zusammenhang zwischen der Einnahme von NSAID und einem geringeren Risiko für die Entwicklung einer AMD. Dieser Effekt war bereits nach sechs Monaten erkennbar und blieb auch nach einem, drei und fünf Jahren bestehen. Der Zusammenhang zeigte sich sowohl bei der trockenen als auch bei der feuchten Form der Erkrankung. Hinweise fanden sich sowohl für Acetylsalicylsäure als auch für klassische, nicht selektive COX-Hemmer wie Ibuprofen oder Diclofenac.
Wichtig ist jedoch die Einordnung: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Das bedeutet, dass zwar ein statistischer Zusammenhang festgestellt wurde, aber kein direkter Ursache-Wirkungs-Zusammenhang belegt werden kann. Auch andere Faktoren wie Vorerkrankungen, Lebensstil oder eine engere medizinische Betreuung könnten die Ergebnisse beeinflusst haben.
Chronische Entzündungen erhöhen offenbar das Risiko für mehrere Augenerkrankungen
Parallel dazu analysierte ein Forschungsteam der Fudan-Universität in Shanghai Daten aus der UK Biobank mit mehr als 415.000 Teilnehmern, die über einen Zeitraum von rund 13 Jahren begleitet wurden. Im Mittelpunkt standen zwei Entzündungsmarker im Blut, die Hinweise auf chronische, unterschwellige Entzündungen im Körper geben.
Die Ergebnisse zeigen, dass höhere Entzündungswerte mit einem erhöhten Risiko für mehrere Augenerkrankungen verbunden waren. Dazu gehörten neben der altersbedingten Makuladegeneration auch der Graue Star, das primäre Offenwinkelglaukom sowie die diabetische Retinopathie. Darüber hinaus fanden die Forschenden Hinweise darauf, dass stärkere Entzündungsaktivität mit strukturellen Veränderungen der Netzhaut einhergehen könnte, insbesondere mit einer Ausdünnung der lichtempfindlichen Photorezeptorschichten.
Neue Erkenntnisse zur AMD, aber weiterer Forschungsbedarf
Für die Praxis unterstreichen die Ergebnisse vor allem die enge Verbindung zwischen allgemeiner Gesundheit und Augengesundheit. Entzündungsprozesse im Körper könnten eine größere Rolle bei der Entstehung altersbedingter Augenerkrankungen spielen als bisher angenommen.
Eine gezielte Einnahme von entzündungshemmenden Medikamenten zur Vorbeugung der AMD lässt sich aus den aktuellen Daten jedoch nicht ableiten. Solche Medikamente können Nebenwirkungen haben und sollten nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen werden. Umso wichtiger bleibt die Aufklärung über bekannte Risikofaktoren sowie die Empfehlung regelmäßiger Vorsorgeuntersuchungen.
Netzhaut-Implantat markiert Durchbruch bei fortgeschrittener trockener AMD
Neben präventiven Ansätzen gibt es auch neue Therapieoptionen für Betroffene mit fortgeschrittener trockener AMD. Ein neuartiges subretinaler Mikrochip namens PRIMA könnte das bisherige Behandlungsprinzip grundlegend verändern. Das nur 2 × 2 Millimeter große und 30 Mikrometer dünnen Implantat wird unter die Netzhaut implantiert und übernimmt dort die Funktion degenerierter Photorezeptoren.
In der internationalen PRIMAvera-Studie, deren Ergebnisse im New England Journal of Medicine veröffentlicht wurden, zeigte sich, dass bei 81 Prozent der Teilnehmer nach zwölf Monaten die Sehschärfe signifikant verbessert wurde. Erstmals gelang damit die teilweise Wiederherstellung zentraler Sehfunktionen bei geographischer Atrophie, also der Spätform der trockenen AMD. Das Implantat wandelt Infrarotlicht in elektrische Impulse um und stimuliert die verbliebenen Netzhautzellen.
Die funktionellen Verbesserungen stellen sich nicht unmittelbar ein. Betroffene müssen nach der Implantation über Monate hinweg intensives Sehtraining absolvieren, um das kontrastreiche Bild des Chips in ihre natürlichen Seheindrücke zu integrieren. Ein unabhängiges Gremium zur Überwachung der Patientensicherheit hat sich einstimmig für eine Zulassung auf dem europäischen Markt ausgesprochen. Das formale Zulassungsverfahren läuft bereits.
Was Betroffene bei trockener AMD konkret tun können
Für die trockene AMD gibt es derzeit keine zugelassene Therapie, die den Krankheitsverlauf grundlegend stoppen kann. Trotzdem können Betroffene durch verschiedene Maßnahmen ihren Alltag besser gestalten. Experten empfehlen eine regelmäßige augenärztliche Kontrolle, um Veränderungen der Sehschärfe frühzeitig zu erkennen und das Fortschreiten der Erkrankung zu dokumentieren. Moderne bildgebende Verfahren wie die optische Kohärenztomographie helfen dabei, den Zustand der Makula präzise zu beurteilen.
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Fisch kann das Risiko für ein Fortschreiten der trockenen AMD verringern. Besonders wichtig sind Nährstoffe wie die Carotinoide Lutein und Zeaxanthin, die Vitamine C und E sowie das Spurenelement Zink. In bestimmten Fällen können Nahrungsergänzungsmittel mit einer AREDS-II-Kombination aus Antioxidantien und Zink das Fortschreiten verlangsamen. Die Einnahme sollte jedoch immer in Absprache mit dem Augenarzt erfolgen. Falls zusätzlich ein Grauer Star besteht, können Kunstlinsen mit hoher Kontrastwiedergabe und reduzierter Blendung den Sehkomfort erhöhen.
Die aktuellen Studien liefern überzeugende Hinweise darauf, dass systemische Entzündungen eng mit altersbedingten Augenerkrankungen verknüpft sein könnten. Auch der beobachtete Zusammenhang zwischen der Einnahme von NSAID und einem geringeren AMD-Risiko ist wissenschaftlich interessant. Für konkrete Therapie- oder Präventionsempfehlungen reicht die derzeitige Studienlage jedoch noch nicht aus. Weitere kontrollierte und prospektive Studien sind notwendig, um die Ergebnisse eindeutig zu bewerten.
Quellen: Nichtsteroidale Entzündungshemmer könnten Risiko altersbedingten Makuladegeneration senken
Studie: Hsu A, Kuo H, Liu D et al. NSAID use and the risk of AMD: Insights From a Multi-Center Cohort Analysis. Ophthalmology. 2026 DOI: 10.1016/j.ophtha.2026.04.027






