Nachhaltigkeit hat viele Facetten: Während manche Hersteller vor allem Materialien und Produktionsprozesse in den Fokus stellen, rücken andere die Herkunft der Rohstoffe stärker in den Blick. Ein Beispiel für diesen erweiterten Nachhaltigkeitsansatz liefert das Brillenlabel SEA2SEE aus Barcelona. Das Unternehmen nutzt recyceltes Meeresplastik als Ausgangsmaterial für seine Fassungen und verbindet ökologische Verantwortung mit sozialem Engagement entlang der Lieferkette.

Meeresplastik als Rohstoff für Brillenfassungen von SEA2SEE
Die Idee zu SEA2SEE entstand vor dem Hintergrund eines global sichtbaren Umweltproblems. Als Bilder der sogenannten Plastikinsel im Pazifik um die Welt gingen, kam Gründer François van den Abeele auf den Gedanken, ein Produkt zu entwickeln, das auf diese Verschmutzung aufmerksam macht. Zu dieser Zeit trug er selbst erstmals eine Brille und stellte fest, dass Nachhaltigkeit in der Optikbranche kaum eine Rolle spielte.

2016 brachte van den Abeele schließlich die ersten Modelle auf den Markt. Die Kollektion umfasste zunächst 18 Sonnenbrillen und war noch ein Ein-Mann-Projekt. Parallel begann SEA2SEE, in spanischen Häfen ein Sammelsystem für Kunststoffabfälle aufzubauen. Fischer brachten dabei neben ihren Fängen auch aus dem Meer geborgene Kunststoffreste mit an Land. Laut Unternehmensangaben kommen so bis heute täglich erhebliche Mengen zurückgelassener Fischernetze und anderer Kunststoffteile zusammen.
Van den Abeele verweist in diesem Zusammenhang auf eine alarmierende Zahl: Nach Schätzungen internationaler Organisationen gelangen weltweit jede Sekunde rund 256 Kilogramm Plastik in die Ozeane. Wo andere Abfall sähen, sehe sein Unternehmen einen potenziellen Rohstoff.
UpSea Plast: Vom Meeresabfall zur Brillenfassung
Der Produktionsprozess beginnt in den Häfen, wo der eingesammelte Kunststoff zunächst sortiert wird. Dieser Schritt erfolgt teilweise manuell, um die unterschiedlichen Kunststoffarten möglichst sauber zu trennen. Nur Materialien, die sich für die Weiterverarbeitung eignen, gelangen in den Recyclingprozess.
Anschließend wird der Kunststoff zu Granulat aufbereitet, das unter dem Namen „UpSea Plast“ verwendet wird. Dieses Material ist laut Hersteller nach dem Cradle to Cradle-Standard zertifiziert – einem international anerkannten System zur Bewertung kreislauffähiger und umweltverträglicher Produkte.
Die Pellets werden anschließend nach Segusino in Italien transportiert. Dort entstehen in Zusammenarbeit mit einem traditionsreichen Brillenhersteller die Fassungen der Marke. Die Produktion erfolgt vollständig in Italien und verbindet industrielle Verfahren mit klassischer Handarbeit. Je nach Modell kann die Herstellung einer Fassung mehrere Wochen dauern.
Inzwischen umfasst die Kollektion laut van den Abeele etwa 110 Modelle – von Sonnenbrillen bis zu Korrektionsfassungen, die mittlerweile einen Großteil des Umsatzes ausmachen. Gestalterisch bewegt sich SEA2SEE zwischen klassischen und modernen Formen, darunter Pilotenfassungen, Wayfarer-Varianten oder markante, kantige Designs.
Die SEA2SEE Foundation: Soziales Engagement in Afrika
Ein zentraler Bestandteil des Konzepts ist die SEA2SEE Foundation. Die gemeinnützige Organisation koordiniert die Sammlung von Meeresplastik und initiiert zugleich soziale Projekte.
Seit 2019 engagiert sich die Stiftung verstärkt in Westafrika. Fischer in Ländern wie Ghana oder Senegal erhalten für jedes Kilogramm gesammelten Kunststoffs eine Vergütung. Für viele Küstengemeinden ist dies zu einer wichtigen zusätzlichen Einnahmequelle geworden – während gleichzeitig die Verschmutzung der Gewässer reduziert wird.
Entlang der Küsten wurden inzwischen mehrere Sammelstationen eingerichtet. Lokale Mitarbeitende kümmern sich um Logistik, Lagerung und Transport der Abfälle. So können jährlich mehrere hundert Tonnen Kunststoff gesammelt werden, von denen ein Großteil recycelbar ist.
Parallel unterstützt die Stiftung Bildungsinitiativen. In Ghana etwa fließen Mittel in Projekte, die Kinder aus ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen in der Fischerei befreien und ihnen Zugang zu Schulbildung ermöglichen.

Zertifizierungen und Klimabilanz
SEA2SEE legt großen Wert auf die Dokumentation seiner Nachhaltigkeitsmaßnahmen. 2021 erhielt das Unternehmen die B Corp-Zertifizierung, ein international anerkanntes Siegel für Unternehmen, die hohe soziale und ökologische Standards erfüllen. Der Prüfprozess umfasst mehrere hundert Kriterien zu Unternehmensführung, Arbeitnehmerrechten, Umweltwirkungen und gesellschaftlichem Engagement.
Ein Jahr später folgte laut Unternehmensangaben die Einstufung als Carbon Negative Brand. Grundlage war eine Lebenszyklusanalyse, die sämtliche Schritte von der Abfallsammlung bis zur Auslieferung der Brillen untersuchte. Demnach verursachen Fassungen aus recyceltem Meeresplastik deutlich geringere Emissionen als Modelle aus neu produziertem Kunststoff wie Nylon oder TR90. Die Analyse zeigt, dass die Herstellung mit recyceltem Material erheblich weniger Energie benötigt und entsprechend weniger CO₂ freisetzt.
Wachstum und Bedeutung für den Fachhandel
Seit der Markteinführung hat sich SEA2SEE international etabliert. Die Brillen sind mittlerweile in über 4.000 Augenoptikfachgeschäften in mehr als 50 Ländern erhältlich – Deutschland zählt dabei zu den wichtigsten Märkten.
Für den stationären Fachhandel spielt jedoch nicht allein das Material eine Rolle. Vielmehr bietet die Geschichte hinter den Produkten eine transparente, glaubwürdige Nachhaltigkeitsstrategie, die sich gegenüber Kunden nachvollziehbar kommunizieren lässt.
Parallel arbeitet das Unternehmen daran, den Einsatz seines recycelten Materials auszuweiten. Neben Brillen entwickelte SEA2SEE inzwischen auch Uhren aus UpSea Plast. Weitere Produkte sollen folgen.
SEA2SEE zeigt, wie sich Nachhaltigkeit in der Brillenbranche über den reinen Materialeinsatz hinausdenken lässt. Das Konzept verbindet Recycling, internationale Lieferketten und soziale Verantwortung zu einem durchgängig nachhaltigen Geschäftsmodell. Für Augenoptiker entsteht daraus ein Produkt, das ökologische und gesellschaftliche Aspekte gleichermaßen adressiert – ein Ansatz, der angesichts wachsender Nachfrage nach transparent produzierten Konsumgütern zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Mehr zum Thema Nachhaltigkeit erfahrt in unserem ersten Teil unserer Reihe:
Nachhaltige Brillen Part 1: FUNK/SCHUSTER stellt Fassungen aus Zigarettenfiltern her
Und in unserem zweiten Teil:
Nachhaltige Brillen Part 2: rolf lebt Nachhaltigkeit als Grundprinzip





