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Unerwartet: Adipositas senkt Glaukom-Risiko laut Studie

Übergewicht gilt in der Medizin als Risikofaktor für zahlreiche Erkrankungen. Eine aktuelle Analyse legt nun jedoch nahe, dass dies nicht uneingeschränkt für das Glaukom gilt. Demnach weisen übergewichtige und adipöse Menschen eine geringere Wahrscheinlichkeit auf, an dieser chronischen Neuropathie des Sehnervs (Nervenschädigung am Sehnerv) zu erkranken – während Patienten mit Metabolischem Syndrom (Zusammenbruch mehrerer Stoffwechselprozesse) ein deutlich erhöhtes Risiko aufweisen. Die Ergebnisse stammen aus einer groß angelegten Auswertung von Daten aus den USA und erschienen im British Journal of Ophthalmology.

Adipositas und Glaukom: Studie zeigt unerwarteten Zusammenhang
Bild: © Joachim Schnürle / Unsplash

Große US-Studie zu Glaukom & Adipositas mit über 150.000 Teilnehmern

Die Untersuchung1 wurde von Anne Coleman von den Stein and Doheny Eye Institutes der University of California und ihrer Forschungsgruppe durchgeführt. Grundlage bildeten Daten von 156.362 Teilnehmern ab 40 Jahren aus dem Forschungsprogramm „All of Us“ des NIH (US-Nationales Gesundheitsinstitut). Das durchschnittliche Alter der Studienteilnehmer lag bei knapp 60 Jahren, rund 60 Prozent waren Frauen.

Die Forschenden klassifizierten Adipositas anhand des Body-Mass-Index (BMI), also des Verhältnisses von Körpergewicht zu Körpergröße. Zusätzlich wurde die zentrale Adipositas über den Taillenumfang bewertet. Auf dieser Basis verglichen sie das Auftreten eines Glaukoms zwischen übergewichtigen, adipösen und normalgewichtigen Personen.

Überraschend: Übergewicht senkt offenbar das Glaukom-Risiko

Die Auswertung1 ergab, dass übergewichtige Personen ein rund 20 Prozent geringeres Risiko für ein Glaukom hatten (Odds Ratio 0,80). Zur Erklärung: Die Odds Ratio zeigt wie viel höher oder niedriger die Krankheitswahrscheinlichkeit im Vergleich zur Referenzgruppe ist: Bei 0,80 sind es 20% geringere Chancen. Für adipöse Teilnehmer lag sie bei 0,79. Auch erhöhter Taillenumfang (Bauchfett) senkte das Risiko leicht (Odds Ratio 0,87 bzw. 0,97).

Metabolisches Syndrom: Deutlich höheres Risiko für Grünen Star

Ein völlig anderes Bild zeigte sich bei Personen mit Metabolischem Syndrom. Darunter versteht man eine Kombination mehrerer Stoffwechselstörungen – zentrale Adipositas (Bauchfett), erhöhte Triglyceridwerte (ungesunde Fette im Blut), ein niedriger HDL-Cholesterinspiegel (“gutes” Cholesterin), Bluthochdruck und erhöhte Blutzuckerwerte –, das vorliegt, wenn mindestens drei dieser Kriterien erfüllt sind.

In der Studie1 wiesen Personen mit Metabolischem Syndrom ein deutlich erhöhtes Glaukomrisiko auf. Im vollständig adjustierten Modell lag die Odds Ratio bei 1,35 im Vergleich zu Teilnehmenden ohne entsprechende Stoffwechselstörung. Auch der sogenannte Metabolic Syndrome Severity Score, der den Schweregrad des Syndroms beschreibt, stand in direktem Zusammenhang mit der Erkrankung: Jeder Anstieg um einen Punkt ging mit einer um 19 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit für ein Glaukom einher.

Warum Übergewicht gegen Glaukom sogar schützen könnte

Dass Adipositas mit einem geringeren Glaukomrisiko verbunden sein könnte, widerspricht der früheren Lehrmeinung, nach der ein hoher BMI auch bei dieser Augenerkrankung als Risikofaktor galt. Tatsächlich handelt es sich jedoch nicht um die erste Untersuchung, die einen solchen Zusammenhang beobachtet.

Die Autoren der Studie1 diskutieren mehrere mögliche pathophysiologische Mechanismen (Körper-mechanische Abläufe). Einer davon betrifft den sogenannten translaminaren Druckgradienten (Druckunterschied über die Siebplatte des Sehnervs), also den Druckunterschied zwischen dem Augeninnendruck und dem Liquordruck (Hirnflüssigkeitsdruck) im Schädelraum. Mehrere Arbeiten legen nahe, dass adipöse Menschen tendenziell einen höheren Liquordruck aufweisen könnten – dies würde den Druckgradienten reduzieren und möglicherweise eine schützende Wirkung auf den Sehnerv entfalten.

Anders könnte sich die Situation beim Metabolischen Syndrom (Stoffwechselkrankheitsbündel) darstellen: Adipositas, Hypertonie (Bluthochdruck) und Insulinresistenz (gestörte Zuckeraufnahme) führen häufig zu einer Überaktivierung des Sympathikus, also des Teils des Nervensystems, der für Stressreaktionen verantwortlich ist. Wird der okuläre Sympathikusnerv (Augen-Stressnerv) aktiviert, kann dies den Augeninnendruck steigern – ein zentraler Risikofaktor für die Entwicklung eines Glaukoms.

Glaukom-Früherkennung: wegen Übergewicht und Bluthochdruck zum Augenarzt?

Vor diesem Hintergrund empfehlen die Autoren der Studie1 eine besonders frühzeitige augenärztliche Kontrolle bei Patienten mit Metabolischem Syndrom. Eine gezielte Untersuchung auf Glaukom kann helfen, die Erkrankung in einem Stadium zu erkennen, in dem irreversible Schäden am Sehnerv noch verhindert werden können.

Gerade in der augenoptischen Praxis könnte dieser Aspekt künftig an Bedeutung gewinnen. Viele Betroffene suchen zunächst wegen Sehproblemen oder zur Routinekontrolle einen Optiker auf. Hinweise auf mögliche Risikofaktoren wie Bluthochdruck, stark erhöhten Taillenumfang oder bekannte Stoffwechselstörungen können daher ein wichtiger Anlass sein, Kunden zur augenärztlichen Abklärung zu raten.

Die Studie macht deutlich, dass der Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Glaukom komplexer ist als lange angenommen. Während Übergewicht und Adipositas offenbar mit einem leicht reduzierten Erkrankungsrisiko einhergehen können, steigt die Gefahr bei Vorliegen eines Metabolischen Syndroms deutlich an. Für die Praxis bedeutet dies vor allem: Patienten mit entsprechenden Stoffwechselstörungen sollten frühzeitig und regelmäßig auf ein Glaukom untersucht werden, um irreversible Schäden am Sehnerv nach Möglichkeit zu vermeiden.

Zur Studie: 1 Paul M, Lee J, Kitayama K, et al. Associations between obesity, metabolic syndrome and glaucoma in the National Institutes of Health ‘All of Us’ research programme. British Journal of Ophthalmology. Erstveröffentlichung: 28.01.2026. doi: 10.1136/bjo-2025-328112

Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, welche Rolle Ernährung, Lebensstil und Umweltfaktoren speziell beim Glaukom spielen, lohnt sich ein Blick in unseren Beitrag:

Glaukom: Was Ernährung und Umweltfaktoren für einen Einfluss darauf haben“.

Christoph Hillermann-Giannoutsos