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Schwangerschaft: Diese Medikamente können Sehbehinderungen beim Kind verursachen

Angeborene Fehlbildungen des Auges zählen in Industrieländern zu den häufigsten Ursachen für Sehbehinderungen bei Kindern. Ursache dafür kann die Einnahme bestimmter Medikamente während der Schwangerschaft sein. Und genau das hat eine französische Studie untersucht, die kürzlich im BMJ Open Ophthalmology veröffentlicht wurde. Ihre Ergebnisse lesen sich ebenso aufschlussreich wie vorsichtig formuliert – und liefern Stoff für Diskussionen, die über die Fachwelt hinausreichen.

Medikamente während der Schwangerschaft – eine stille Gefahr für das Auge des Kindes
Bild: © freestocks / Unsplash

Studie: Medikamente, die Fehlbildungen am Auge auslösen

Im Mittelpunkt der Arbeit steht eine Auswertung der internationalen Pharmakovigilanz-Datenbank VigiBase. Isabelle Lacroix vom Departement für Pharmakologie der Universität Toulouse und ihr Team analysierten dort Berichte über angeborene Augenanomalien, bei denen die Einnahme von Medikamenten während der Schwangerschaft dokumentiert war. Insgesamt gingen 676 Fallmeldungen mit 814 okulären Befunden in die Untersuchung ein.

Die Mehrheit der Berichte – gut 71 Prozent – stammte von Angehörigen der Gesundheitsberufe, also von Ärzten, Apothekern oder anderen Fachkräften. Knapp 29 Prozent kamen von Nichtmedizinern, darunter Patienten oder juristische Vertreter. Inhaltlich überwogen angeborene Anomalien der Augenlider, des Tränensystems und der Augenhöhle mit rund 28 Prozent. In jeweils etwa zwölf Prozent der Fälle betrafen die Fehlbildungen die Vorderkammer oder die Linse. Schwere Fehlbildungen wie Anophthalmus (Fehlen eines Augapfels) oder Mikrophthalmus (ungewöhnlich kleiner Augapfel) wurden bei knapp jedem zehnten Kind dokumentiert. Auffällig hoch blieb zudem der Anteil unklassifizierter Anomalien, also nicht genau zugeordnete Fehlbildungen, der bei etwa jedem fünften Befund lag.

Angeborene Augen-Anomalien durch Medikamente: Häufigkeit wächst

Was auffällt: Vor dem Jahr 2000 fanden sich in der Datenbank keine entsprechenden Einträge, ab 2007 zeigte sich dann ein deutlicher Anstieg der gemeldeten Fälle. Ob dies auf eine tatsächliche Zunahme, eine höhere Sensibilität für das Thema oder schlicht auf verbesserte Meldestrukturen zurückzuführen ist, lässt sich laut Studie nicht klären.

Diese Wirkstoffe wurden besonders häufig genannt

Ein Blick auf die betroffenen Indikationsgebiete, also medizinische Anwendungsbereiche der Medikamente, zeigt klare Schwerpunkte. Am häufigsten waren Medikamente aus der ATC-Klasse „Nervensystem“ (europäische Einteilung von Arzneimitteln nach Wirkort) vertreten, gefolgt von Antineoplastika (Krebsmedikamente) und Immunmodulatoren (Mittel, die das Immunsystem beeinflussen) sowie Antiinfektiva zur systemischen Anwendung, also gegen Infektionen im ganzen Körper wirkenden Präparaten.

Innerhalb der Nervensystem-Medikamente machten Antiepileptika (Mittel gegen Epilepsie) mehr als die Hälfte der Fälle aus, gefolgt von Psychoanaleptika (stimmungsaufehllende Mittel) und Psycholeptika (beruhigende Mittel). Beide Antineoplastika dominierten Immunsuppressiva (Immunsystem-dämpfende Mittel), während unter den Antiinfektiva vor allem systemische antivirale Wirkstoffe auffielen.

Besonders in den Fokus gerät dabei wieder einmal Valproinsäure, ein Antiepileptikum mit bekanntem Fehlbildungsrisiko. Fast ein Viertel der Kinder in der untersuchten Kohorte (Patientengruppe der Studie) war im Mutterleib diesem Wirkstoff ausgesetzt. Mit etwas Abstand folgten Ondansetron (gegen Übelkeit) und Paroxetin (Antidepresivum).

Valproinsäure – ein alter Bekannter mit neuem Fokus

Dass Valproinsäure ein teratogenes Potenzial besitzt, also Fehlbildungen beim Embryo auslösen kann, ist seit Jahrzehnten bekannt. Bereits 1982 warnte die französische Genetikerin Elisabeth Robert vor dem Risiko für Spina bifida (offener Rücken) nach Valproat-Exposition im Mutterleib. Seither wurden weitere Fehlbildungen beschrieben, darunter Kolobome (Spaltbildung im Auge) und Mikrophthalmien (zu kleine Augen).

Studie ohne Kausal-Zusammenhänge

Die neue Auswertung bestätigt diese Häufung deskriptiv, also durch reine Datenbeschreibung, ohne neue Kausalitäten (Ursache-Wirkungs-Beziehungen) zu behaupten. Genau hier setzen die Autoren der Studie ihre wichtigste Einschränkung: Aus den Daten lasse sich kein ursächlicher Zusammenhang nachweisen, betont Isabelle Lacroix. Die Analyse liefere vielmehr eine systematische Übersicht als Basis für weitere hypothesengestützte Forschung mit anderen Methoden.

Für Optiker, Optomotristien und insbesondere für Augenärzte sind diese Ergebnisse dennoch relevant. Sie schärfen das Bewusstsein dafür, dass okuläre Fehlbildungen, also angeborene Anomalien des Auges, Teil des bekannten Spektrums medikamentös bedingter Risiken in der Schwangerschaft sein können. Gleichzeitig mahnen sie zur Differenzierung: Häufigkeit in einer Datenbank ist nicht gleich Ursache im Einzelfall.

Unterm Strich zeigt die Studie vor allem eines: Die Datenlage ist dünn – aber sie wächst. Die Dominanz bekannter Risikowirkstoffe wie Valproinsäure überrascht kaum, unterstreicht jedoch, wie wichtig konsequente Aufklärung, Pharmakovigilanz – also die laufende Überwachung der Arzneimittelsicherheit – und interdisziplinäre Zusammenarbeit, sprich das Zusammenspiel verschiedener medizinischer Fachrichtungen, bleiben. Voreilige Schlüsse werden der Komplexität des Themas nicht gerecht. Wer die Ergebnisse dagegen als Anstoß für bessere Forschung und informierte Beratung versteht, gewinnt einen echten Erkenntniswert daraus.

Zur Studie: Mairesse R, Lepetit M, Dubucs C, Cifuentes E, Damase-Michel C, Lacroix I. In utero exposure to medications and congenital eye anomalies. BMJ Open Ophthalmology. 2026. https://doi.org/10.1136/bmjophth-2024-002049

Christoph Hillermann-Giannoutsos