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Rotlicht gegen Kurzsichtigkeit? Warum US-Forscher vor Risiken der Myopie-Therapie warnen 

Die Zahl kurzsichtiger Kinder steigt weltweit rasant. Während bewährte Maßnahmen wie spezielle Brillengläser, Kontaktlinsen oder mehr Zeit im Freien längst etabliert sind, sorgt eine neue Therapie aus China für Aufsehen: Eine Behandlung mit schwachem Rotlicht soll das Längenwachstum des Auges bremsen und so Kurzsichtigkeit verhindern. Erste Studien zeigen tatsächlich positive Effekte. Doch nun schlagen US-Forscher Alarm. Ihre Analyse wirft Sicherheitsfragen auf und könnte die Diskussion um die Rotlichttherapie neu entfachen. 

Rotlicht gegen Kurzsichtigkeit? Warum US-Forscher vor Risiken der Myopie-Therapie warnen 
Bild: © Anastasiia Santsevych / Unsplash

Myopie auf dem Vormarsch – und die Suche nach neuen Lösungen 

Kurzsichtigkeit gilt als eine der größten augenmedizinischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte. Besonders in Asien hat sich die Situation dramatisch verschärft: In China sind mittlerweile rund 80 Prozent der Kinder kurzsichtig. Hauptursachen sind ein veränderter Lebensstil, weniger Zeit im Freien und der zunehmende Gebrauch digitaler Geräte. Das Auge passt sich diesen Bedingungen an – es verlängert sich, und genau diese Verlängerung führt zur Myopie. 

Gesellschaftliche Gegenmaßnahmen wie längere Schulpausen oder verpflichtende Outdoor-Zeiten zeigen zwar in Studien positive Effekte, sind politisch und organisatorisch jedoch schwer umsetzbar. Gleichzeitig fördern Smartphones und soziale Medien den Trend zur Naharbeit. Vor diesem Hintergrund wächst das Interesse an technologischen Lösungen – eine davon ist die Rotlichttherapie, die in China bereits weit verbreitet ist. 

Rotlichttherapie: Unklarer Wirkmechanismus 

Bei der Rotlichttherapie wird der Augenhintergrund regelmäßig mit einem niederenergetischen Rotlichtlaser bestrahlt. Eine Sitzung dauert nur wenige Minuten und wird mehrmals pro Woche wiederholt – mit dem Ziel, das Längenwachstum des Augapfels zu bremsen. 

Der genaue Wirkmechanismus ist bislang unklar. Forschende aus Kunming vermuten, dass Rotlicht die Energieversorgung und den Zellstoffwechsel im Auge verbessert. Im Mittelpunkt steht dabei das Enzym Cytochrom C Oxidase, das auf Rotlicht reagieren könnte. Diese Aktivierung könnte Reparaturprozesse in den Zellen stimulieren und so das Fortschreiten der Myopie verlangsamen. Noch ist diese Hypothese jedoch theoretisch, eine eindeutige physiologische Erklärung fehlt. Dennoch deuten mehrere klinische Studien bereits auf einen messbaren Effekt hin. 

Studien zeigen Wirkung – aber offene Fragen zur Nachhaltigkeit 

Eine Metaanalyse randomisierter Studien ergab, dass die Rotlichttherapie das Augenlängenwachstum tatsächlich verlangsamen kann. In fünf ausgewerteten Studien zeigte sich ein signifikanter Einfluss auf die Myopieprogression bei Kindern. Unklar bleibt jedoch, ob dieser Effekt langfristig anhält. Kritiker weisen darauf hin, dass die Wirkung nach Beendigung der Behandlung nachlassen könnte – belastbare Langzeitdaten fehlen bislang. Genau diese Unsicherheit veranlasste internationale Forschende, die verwendeten Geräte genauer zu untersuchen. 

Bild: © Artemis Kliniken

US-Forschende äußern Sicherheitsbedenken bei Rotlichtgeräten

Ein Team um Lisa Ostrin und Alexander Schill von der University of Houston analysierte vier kommerziell erhältliche Rotlichtgeräte im Labor. Die Ergebnisse, die nun im JAMA Ophthalmology veröffentlicht wurden, sorgen seither für Aufsehen. 

Zwei der vier getesteten Geräte überschritten die in den USA geltenden Sicherheitsgrenzwerte für medizinische Laser. Die Modelle Sky-N1201 und EyeRising erreichten die erlaubte Strahlendosis bereits nach wenigen Sekunden. Bei den üblichen Behandlungszeiten von mehreren Minuten würde die zulässige Belastung damit deutlich überschritten. 
Ein weiteres Gerät, Future Vision, blieb zwar länger innerhalb der Grenzwerte, erzeugte jedoch einen hochkohärenten Laserstrahl – ein theoretisches Risiko für photochemische oder photothermische Netzhautschäden, so die Forschenden. 

Nur ein Gerät gilt als unbedenklich – aber ohne klinische Evidenz 

Als vergleichsweise sicher stuften die Forschenden lediglich ein LED-basiertes Gerät ein. Dieses überschritt die Grenzwerte selbst bei längerer Bestrahlung nicht. Allerdings wurde dieses Modell bisher nicht in klinischen Studien getestet. Damit entsteht ein Dilemma: Geräte mit nachgewiesener Wirksamkeit könnten potenziell riskant sein, während sicherere Varianten bislang ohne Nachweis klinischer Effekte bleiben. 

Erste Fallberichte verstärken die Skepsis 

Hinzu kommen Einzelfälle, die die Sicherheitsbedenken untermauern. In einem Fall entwickelte ein zwölfjähriger Patient nach wiederholter Rotlichttherapie eine strukturelle Netzhautschädigung. Das Sehvermögen erholte sich nach dem Therapieabbruch nur teilweise. Ein anderer Bericht beschrieb eine verringerte Zahl von Zapfenzellen – wichtig für scharfes und farbiges Sehen. Beide Fälle betrafen Geräte desselben Herstellers. Zwar erlauben solche Berichte keine generellen Schlüsse, sie verdeutlichen aber die Notwendigkeit unabhängiger Sicherheitsprüfungen. 

Laborbefunde mit Einschränkungen – aber Signalwirkung 

Die Autoren der Studie betonen, dass ihre Untersuchung im Labor stattfand. Die tatsächliche Reaktion der Netzhaut im lebenden Auge könne abweichen. Dennoch sehen sie die Ergebnisse als Warnsignal: Eine Kombination aus überschrittenen Grenzwerten, fehlenden Langzeitdaten und ersten Schadensberichten erfordere höchste Vorsicht – vor allem bei Behandlungen von Kindern. 

Die Rotlichttherapie gegen Myopie bleibt ein umstrittener Ansatz. Erste Studien liefern Hinweise auf einen messbaren Nutzen, doch die aktuelle Analyse aus den USA wirft erhebliche Sicherheitsfragen auf. Bevor die Methode breit eingesetzt wird, braucht es unabhängige Studien, standardisierte Prüfverfahren und überzeugende Langzeitdaten. Bis dahin bleibt die Rotlichttherapie eher ein Hoffnungsträger als eine etablierte Option im Myopie-Management. 

Zur Studie: Ostrin LA, Schill AW. Safety Evaluation of 4 Red Light Therapy Devices for Myopia. JAMA Ophthalmol. 2026;144(3):255–258. doi:10.1001/jamaophthalmol.2025.5660

Christoph Hillermann-Giannoutsos