Die altersbedingte Makuladegeneration gilt als häufigste Ursache für den dauerhaften Verlust des zentralen Sehvermögens im höheren Lebensalter. Medikamente können den Verlauf bislang lediglich bremsen, verlorene Sehschärfe jedoch nicht zurückbringen. Eine neuartige Netzhaut-Implantat-Technologie könnte das bisherige Behandlungsprinzip nun grundlegend verändern: Mit dem subretinalen Mikrochip (unter der Netzhaut liegender Mikrochip) „PRIMA“ sei es erstmals gelungen, bei Patienten mit fortgeschrittener trockener AMD zentrale Sehfunktionen teilweise wiederherzustellen, wie es in einer aktuellen Publikation heißt.

Altersbedingte Makuladegeneration als Volkskrankheit mit wachsender Relevanz
Die altersbedingte Makuladegeneration (abgekürzt „AMD“) ist eine häufige, chronische Erkrankung der Netzhautmitte (Makula), die bei Menschen über 50–65 Jahren zu einem fortschreitenden Verlust des zentralen Sehvermögens führt. Sie äußert sich oft durch verzerrtes Sehen oder einen dunklen Fleck im Zentrum. Man unterscheidet die langsam verlaufende trockene Form von der schneller fortschreitenden feuchten Form, die durch Spritzen ins Auge (IVOM) behandelbar ist.
Weltweit sind Schätzungen zufolge rund 200 Millionen Menschen von einer altersbedingten Makuladegeneration betroffen, in Deutschland etwa sieben Millionen. Insbesondere die geographische Atrophie als Spätform der trockenen AMD führt zu einem massiven Verlust der zentralen Sehschärfe.
Betroffen ist die Makula (Stelle des schärfsten Sehens), ein nur wenige Quadratmillimeter großes Areal im Zentrum der Netzhaut, in dem die höchste Dichte an Fotorezeptoren, also lichtempfindlichen Sinneszellen, vorliegt. Durch einen gestörten Nähr- und Sauerstoffaustausch zwischen Netzhaut und Aderhaut, der Gefäßschicht unter der Netzhaut, sterben diese lichtempfindlichen Zellen schrittweise ab. Für die Patienten bedeutet das einen dunklen Fleck im Zentrum des Gesichtsfeldes (Loch oder Schatten in der Mitte des Sehens), während das periphere Sehen, also das Sehen am Rand des Gesichtsfeldes, häufig erhalten bleibt. Lesen, Gesichtserkennung oder das Erkennen von Fahrplänen werden zur Herausforderung.
Angesichts der demographischen Entwicklung (also einer immer älter werdenden Bevölkerung) sprechen Fachleute von einer sich abzeichnenden Volkskrankheit. Die therapeutischen Optionen galten bislang als begrenzt.

PRIMA-Implantat: Wie funktioniert das subretinale System?
Das PRIMA-System, ursprünglich von Pixium Vision (Paris) entwickelt und inzwischen von der US‑Firma Science Corporation übernommen, besteht aus drei Komponenten: einem 2 mal 2 Millimeter großen und lediglich 30 Mikrometer dünnen subretinalen (also unter der Netzhaut liegendem) Chip, einer Spezialbrille mit integrierter Kamera sowie einem extern getragenen Mini-Computer.
Der Mikrochip wird im Rahmen eines mikrochirurgischen Eingriffs unter die Netzhaut implantiert. Dort übernimmt er die Funktion der degenerierten Fotorezeptoren, also der zugrunde gegangenen lichtempfindlichen Zellen. Ausgestattet mit 378 Elektroden (kleine Kontakte zur Reizübertragung) wandelt das Implantat Infrarotlicht, also für das Auge unsichtbares Licht, in elektrische Impulse um. Diese stimulieren die verbliebenen, intakten Netzhautzellen, also noch funktionierende Nervenzellen der Netzhaut, die die Signale über den Sehnerv an den visuellen Cortex (Sehzentrum im Gehirn) weiterleiten.
Die Brille erfasst das Bild der Umgebung, der angeschlossene Prozessor vergrößert es um bis zu das Zwölffache, optimiert Kontrast und Helligkeit und projiziert das aufbereitete Bild als Infrarotmuster, also als Bild aus Infrarotpunkten, auf den Chip. Auf diese Weise entsteht ein technisch erzeugtes Sehbild, das laut Studienangaben das Erkennen von Buchstaben, Wörtern und Gesichtern ermöglichen könne.

Aktueller Forschungsstand: Klinische Studie im New England Journal of Medicine
Die Ergebnisse der internationalen PRIMAvera-Studie wurden im Fachjournal New England Journal of Medicine veröffentlicht. An der offenen, multizentrischen Untersuchung nahmen 38 Patienten an 17 Kliniken in fünf Ländern teil. Federführend beteiligt war die Augenklinik des Universitätsklinikum Bonn unter Leitung von Frank Holz.
Primärer Endpunkt (wichtigster Messwert der Studie) war eine klinisch relevante Verbesserung der Sehschärfe um mindestens 0,2 logMAR (Maßeinheit für Sehschärfe), was etwa zehn Buchstaben auf der standardisierten ETDRS-Tafel, einer genormten Sehtest-Tafel, entspricht. Nach zwölf Monaten zeigten 81 Prozent der auswertbaren Patienten eine solche Verbesserung. Unter Berücksichtigung fehlender Daten mittels statistischer Imputation (also statistische Schätzung fehlender Werte) liege der Anteil bei rund 80 Prozent, das heißt mit sehr geringer Zufallswahrscheinlichkeit.
Bemerkenswert ist zudem, dass das natürliche periphere Sehvermögen (Sehen am Rand des Gesichtsfeldes ohne Implantat) stabil blieb. Insgesamt wurden 26 schwerwiegende unerwünschte Ereignisse dokumentiert, die überwiegend in den ersten acht Wochen nach dem Eingriff auftraten, sich rößtenteils innerhalb von zwei Monaten zurückbildeten.
Studienleiter Holz spricht von einem Meilenstein in der Behandlung der geographischen Atrophie. Erstmals gelinge es, verlorene zentrale Sehfunktionen zumindest teilweise zurückzugewinnen. Auch internationale Kooperationspartner bewerten den Ansatz als Paradigmenwechsel, also eine grundlegende Veränderung des Behandlungsansatzes, da bisherige Therapien ausschließlich auf die Verlangsamung der Progression (also die Verlangsamung des Krankheitsfortschritts) abzielten.

Monatelanges Sehtraining als Voraussetzung
Die funktionellen Verbesserungen der Sehfunktion im Alltag stellen sich nicht unmittelbar ein. Patienten müssen nach der Implantation über Monate hinweg ein intensives Sehtraining absolvieren, also gezielte Sehübungen mit Therapeuten und Hause. Ziel ist es, das kontrastreiche Schwarz-Weiß-Bild des Chips in die verbliebenen natürlichen Seheindrücke zu integrieren. Auch die Bedienung der Brille mit individuell anpassbaren Zoom- und Kontrastfunktionen erfordert Übung.
Ausblick: Zulassung und Weiterentwicklung des Retina-Implantats
Ein unabhängiges Data Safety Monitoring Board (unabhängiges Gremium zur Überwachung der Patientensicherheit) habe sich einstimmig für eine Zulassung auf dem europäischen Markt ausgesprochen, wie es heißt. Das formale Zulassungsverfahren läuft. Parallel arbeiten die Entwickler an einer Optimierung der Bildverarbeitung und des Tragekomforts.
Sollte sich das Verfahren im Versorgungsalltag bewähren, könnte das PRIMA-Implantat die Therapie der fortgeschrittenen trockenen AMD nachhaltig verändern. Für Betroffene eröffne sich damit eine Perspektive, die vor wenigen Jahren noch als unrealistisch gegolten hätte.
Das subretinale PRIMA-Implantat markiert einen technologischen Wendepunkt in der AMD-Therapie. Erstmals zeigt eine klinische Studie eine wiederholt nachweisbare, partielle Wiederherstellung zentraler Sehschärfe bei geographischer Atrophie. Trotz operativer Risiken und erheblichem Trainingsaufwand überwiegt nach aktuellem Kenntnisstand der funktionelle Nutzen. Damit könnte sich perspektivisch ein neues, anspruchsvolles Versorgungsfeld entwickeln.
Zur Studie: Frank G. Holz et al.: Subretinal Photovoltaic Implant to Restore Vision in Geographic Atrophy Due to AMD, in: New England Journal of Medicine, 2025, DOI: https://doi.org/10.1056/NEJMoa2501396
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