Brillengläser aus dem Drucker könnten bald Realität werden. Der spanische Software-Spezialist IOT ist vor allem für digitale Lösungen bekannt, die das Entwerfen und Entwickeln von Produkten ermöglichen. Nun arbeitet er an einem Verfahren, das Brillengläser innerhalb von nur drei Minuten entstehen lässt. Light Form heißt die Technologie, die auf der Messe Mido in Mailand für Aufsehen sorgte. Ein kurzer Lichtblitz, ein Rohling, etwas Harz – und plötzlich entsteht ein komplettes Glas. Hier erfahrt Ihr, was dahinter steckt.

Light Form: Brillenglas in Minuten gedruckt
Ein planer Rohling, ein Becher mit transparenter, zähflüssiger Substanz und ein gezielter Lichtimpuls – mehr braucht es laut IOT nicht, um ein Brillenglas zu fertigen. Das neue Verfahren namens Light Form arbeitet additiv und erzeugt ein komplettes Glas in rund drei Minuten. Anders als klassische 3D-Druckverfahren, bei denen Schicht für Schicht aufgebaut wird, entsteht hier das gesamte Volumen in einem einzigen Schritt.
Die Technologie basiert auf der sogenannten stabilisierten frontalen Photopolymerisation. Ein photopolymerisierbares Harz wird dabei durch ein exakt berechnetes Lichtmuster ausgehärtet. Sobald die kritische Lichtintensität erreicht ist, beginnt das Material zu gelieren und aus dem Substrat entsteht die gewünschte Oberfläche. Was technisch komplex klingt, wirkt im praktischen Betrieb überraschend unspektakulär: ein kurzer Lichtblitz – und wenige Minuten später liegt ein fertiges Brillenglas vor.
Brillenglas-Drucker: Erste Einblicke in Madrid
Bereits im Herbst 2025 lief die erste Demonstration am IOT-Hauptstandort in Madrid. In einem modern ausgestatteten Reinraum zeigten die Entwickler den vollständigen Ablauf: Harz auftragen, Lichtimpuls setzen, überschüssiges Material zurückgewinnen und anschließend final aushärten. Nach rund drei Minuten war das Glas fertig.
Im Hintergrund läuft dabei ein hochkomplexer Optimierungsprozess: Die größte Herausforderung liegt laut IOT in der präzisen Berechnung des Lichtmusters, das die gewünschte Oberflächentopografie bestimmt – genau hier stecke die eigentliche Innovation des Systems.
Von Einstärken bis Myopie-Kontrolle: Designs ohne Grenzen
Das Unternehmen zeigt sich selbstbewusst, was die möglichen Anwendungen betrifft. Einstärkengläser, Gleitsichtgläser oder spezielle Designs zur Myopie-Kontrolle sollen problemlos realisierbar sein. Nahezu jedes erdenkliche Design könne innerhalb kürzester Zeit gedruckt werden.
Zusätzlich kann die Maschine Gravuren und Power-Mapping direkt integrieren. Lediglich Beschichtungen wie Entspiegelung müssen derzeit noch in separaten Anlagen erfolgen. Für Hard-Coating wird aktuell ein zusätzlicher Spin-Coater eingesetzt. Perspektivisch soll auch dieser Schritt in das System integriert werden.
Der Prototyp nutzt derzeit CR‑39‑Material mit einer Dicke von 1,4 Millimetern und einem Brechungsindex von 1,5. Basiskurven zwischen zwei und acht sind bereits möglich. Weitere Materialien und Designs sind laut IOT in Vorbereitung.
Pilotstart 2026: Erste gedruckte Gläser im Optikgeschäft
Im Sommer 2026 soll die Technologie erstmals unter realen Bedingungen getestet werden. Dafür kooperiert IOT mit der spanischen Optikerkette VisionLab. Die ersten Gläser werden zunächst im IOT-Labor gefertigt und anschließend an ausgewählte Fachbetriebe in Madrid geliefert.
Ein Druckerprototyp für industrielle Partner könnte nach Unternehmensangaben Anfang 2027 folgen – ein bedeutender Schritt in Richtung Marktreife. Geplant ist, das additive Fertigungsverfahren zunächst an einzelnen Standorten zu evaluieren und dabei Produktionsprozesse schrittweise zu optimieren.
Nachhaltigkeit und neue Märkte im Blick
Neben der Geschwindigkeit hebt IOT auch den Nachhaltigkeitsaspekt hervor. Das Verfahren soll nahezu abfallfrei arbeiten, wenig Energie und kein Wasser verbrauchen. Darüber hinaus eröffnen sich neue Anwendungsmöglichkeiten – etwa in abgelegenen Regionen oder Entwicklungsländern, in denen die Brillenversorgung bislang schwierig ist. Auch für smarte Brillen könnte die Technologie interessant werden. Das Verfahren lasse sich theoretisch auch für Wellenleiter oder flache optische Substrate nutzen.
Rückblick: Warum frühere 3D-Druckversuche scheiterten
Bereits vor einigen Jahren sorgte das niederländische Unternehmen Luxexcel mit gedruckten Brillengläsern für Aufmerksamkeit. Doch die Technologie erwies sich als langsam und wenig flexibel: Die Produktion erfolgte Tropfen für Tropfen und dauerte deutlich länger als herkömmliche Verfahren. Nach anfänglicher Euphorie flaute das Interesse ab. 2022 wurde Luxexcel von Meta Platforms übernommen und verschwand weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Als technischer Hintergrund lohnt auch der Blick auf andere 3D-Druckansätze in der Augenmedizin: Das KIT arbeitet gemeinsam mit Industriepartnern an einem laserbasierten Bioprinting-Verfahren für Hornhäute aus patienteneigenen Zellen (wie wir bereits 2024 berichteten). Ziel ist eine individuell angepasste Alternative zur Transplantation, nicht die Herstellung von Brillengläsern.
IOT scheint nun neue Dynamik in das Thema zu bringen. Ob der Durchbruch gelingt, bleibt jedoch offen. Entscheidend wird sein, ob Qualität, Geschwindigkeit und Wirtschaftlichkeit auch im Alltag überzeugen.
Der erste Eindruck überzeugt: drei Minuten Produktionszeit, flexible Designs und ein vergleichsweise einfacher Prozess klingen extrem vielversprechend. Gleichzeitig bleibt gesunde Skepsis angebracht. Frühere Versuche haben gezeigt, wie anspruchsvoll der Weg zur Marktreife ist. Doch mit seiner Erfahrung in der Softwareentwicklung für Brillendesigns und dem offenen Dialog mit der Branche steht IOT gut positioniert. Sollte Light Form halten, was die Entwickler versprechen, könnte der Brillenglasdrucker schneller Teil des Optikalltags werden als man vermuten würde.







