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Meta-Brille bald mit Gesichtserkennung?

Smart Glasses, die lange als Spielerei für Technikfans galten, sind inzwischen zur strategischen Waffe im Krieg der Plattformen geworden. Nun steht offenbar der nächste Schritt bevor – einer, der weit über Komfortfunktionen hinausgeht: Laut einem Bericht der New York Times plant Meta, seine millionenfach verkauften Brillen noch in diesem Jahr mit Gesichtserkennung auszustatten. Eine Funktion, die das Verhältnis von digitaler und realer Welt neu vermessen dürfte – und für Nutzer, Augenoptiker und Datenschützer gleichermaßen Sprengkraft birgt.

Meta-Brille bald mit Gesichtserkennung?
Meta CEO Mark Zuckerberg (Bild: © Meta)

Gesichter im Visier: Meta will seine Smart Glasses zum sozialen Radar machen

Intern trägt die geplante Gesichtserkennung den Arbeitstitel „Name Tag“ – also Namensschild. Der Ansatz klingt zunächst pragmatisch: Träger der Brille sollen so Personen in ihrer Umgebung identifizieren können, eingebettet in Metas Ökosystem. Nach Angaben der Zeitung prüft der Konzern, ob nur Menschen erkannt werden sollen, mit denen der Nutzer auf einer Meta-Plattform vernetzt ist oder auch ihm unbekannte Personen mit öffentlichen Profilen, etwa bei Instagram oder Facebook. Eine allgemeine Gesichtserkennung, die zufällige Passanten erfassen würde, sei demnach nicht vorgesehen.

Für CEO Mark Zuckerberg wäre das dennoch ein strategischer Hebel. Die Brille würde nicht nur sehen und hören, was ihr Träger wahrnimmt, sondern diese Eindrücke auch unmittelbar mit digitalen Identitäten verknüpfen. Genau hier soll der KI-Assistent der Brille an Mehrwert gewinnen – und sich von konkurrierenden Wearables abheben.

Millionenfach verkauft – und plötzlich politisch heikel

Dass Meta diesen Schritt überhaupt erwägt, hängt mit dem Erfolg der Hardware zusammen. Brillenpartner EssilorLuxottica meldete zuletzt rund sieben Millionen verkaufte Smart Glasses im vergangenen Jahr. Die installierte Basis dürfte damit nahe an zehn Millionen Geräten liegen. Für das laufende Jahr ist laut Branchenkreisen eine deutliche Produktionsausweitung geplant. Die unter Marken wie Ray-Ban und Oakley angebotenen Modelle sehen klassischen Brillen so ähnlich, dass im Alltag kaum auffällt, dass sie die Umgebung aufnehmen können – was sie gleichsam technologisch attraktiv und gesellschaftlich brisant macht.

Meta ist sich der Risiken bewusst. In einem internen Dokument, auf das sich die New York Times beruft, heißt es, man kalkuliere die politische Lage genau ein. Wörtlich sei davon die Rede, dass viele zivilgesellschaftliche Gruppen, die sonst protestieren würden, derzeit andere Schwerpunkte hätten. Ein bemerkenswert offenes Kalkül, das zeigt, wie sensibel das Thema selbst im Konzern eingeschätzt wird.

Gesichtserkennung: Meta gibt sich dennoch zurückhaltend

Diese Zurückhaltung hat historische Gründe. Eine frühere Gesichtserkennungsfunktion, die automatisch Personen in Fotos markierte, musste Meta nach massiver Datenschutzkritik einstellen – in den USA kostete das den Konzern Milliarden. Der Hauptvorwurf: die großflächige Erfassung biometrischer Daten ohne ausreichende Zustimmung der Nutzer.

Vor diesem Hintergrund wirkt der jetzige Ansatz vorsichtiger. Die Funktion soll begrenzt bleiben. Tests waren zwar geplant, wurden aber bisher nicht umgesetzt. Auch jetzt gelte: Die Pläne könnten sich noch ändern. In einer Stellungnahme dementierte Meta die Berichte nicht, betonte jedoch, man prüfe verschiedene Optionen und werde behutsam vorgehen, bevor etwas eingeführt werde.

RAY-BAN META HEADLINER - GEN 2 (Bild: © Meta)
RAY-BAN META HEADLINER – GEN 2 (Bild: © Meta)

Smart Glasses als KI-Schnittstelle mit Nebenwirkungen

Unabhängig davon zeichnet sich eine klare strategische Richtung ab. Für Meta sind Smart Glasses längst mehr als ein Gadget. Intern gelten sie als Schlüssel zur nächsten Generation der KI – weil Software dank Kamera und Mikrofon die Welt der Nutzer unmittelbar erfassen kann. Berichte, wonach Meta an Funktionen arbeitet, die den gesamten Alltag eines Trägers dokumentieren könnten, unterstreichen diese Ambitionen.

Einerseits wächst der Markt für smarte Brillen rasant und bringt neue Zielgruppen in die Läden. Andererseits droht die klassische Brille endgültig zu einem Produkt zu werden, dessen gesellschaftliche Akzeptanz nicht mehr allein von Design und Tragekomfort abhängt – sondern vom Vertrauen der Nutzer.

Wenn Meta davon spricht, die Integration der Gesichtserkennung in seine Smart Glasses bereits in diesem Jahr zu starten, ist damit in aller Regel ausschließlich die USA gemeint. Dass dasselbe auch für die EU funktioniert, kann man aufgrund der deutlich strengeren Datenschutzrichtlinien durchaus anzweifeln.

Sollte Meta tatsächlich eine Gesichtserkennung in seine Smart Glasses integrieren, könnte man dies gleichzeitig als Meilenstein und Risiko bezeichnen. Technologisch wäre es der nächste logische Schritt, um Wearables intelligenter und persönlicher zu machen. Gesellschaftlich jedoch betritt der Konzern vermintes Gelände, auf dem Datenschutz, Ethik und politisches Klima eng miteinander verwoben sind.

Christoph Hillermann-Giannoutsos