Der Markt für Display-Brillen steht noch am Anfang, doch er entwickelt sich mit hoher Geschwindigkeit. Auf den Wettbewerb herrscht Druck – und das kann durchaus auch zu juristischen Auseinandersetzungen führen. Ein aktuelles Beispiel ist der Patentstreit zwischen Xreal und Viture. Was als Verfahren vor einem deutschen Gericht begann, hat sich inzwischen zu einem internationalen Konflikt entwickelt, der weit über Detailfragen hinausreicht – doch worum geht’s genau?

Der Auslöser: Ein europäisches Patent und der Vorwurf der Nachahmung
Im Kern des Streits steht das europäische Patent EP 3 754 409 B1, das ein optisches System für Augmented‑Reality‑ beziehungsweise Display‑Brillen schützt. Es beschreibt unter anderem eine bestimmte Ausgestaltung einer sogenannten Birdbath‑Optik, wie sie für viele aktuelle Display‑Brillen typisch ist. Xreal wirft dem Wettbewerber Viture vor, diese Konstruktion ohne Berechtigung zu nutzen und damit das Patent zu verletzen.
Nachdem eine Abmahnung unbeantwortet blieb, leitete Xreal im September ein Eilverfahren vor dem Landgericht München I ein. Das Gericht folgte zunächst der Argumentation von Xreal und erließ eine einstweilige Unterlassungsverfügung, die Viture vorläufig den Vertrieb mutmaßlich patentverletzender Geräte in Deutschland untersagte.
Formfehler verhindert Unterlassungsverfügung
Die juristische Wendung folgte wenige Wochen später. Laut Gerichtsunterlagen wurde die Unterlassungsverfügung Viture nicht fristgerecht und formal korrekt zugestellt. Aufgrund dieses Verfahrensfehlers hob das Gericht die Verfügung im November wieder auf, sodass Viture seine Display‑Brillen seither weiterhin in Deutschland und anderen EU‑Märkten verkaufen darf.
Eine inhaltliche Entwarnung bedeutet dies jedoch nicht. Nach übereinstimmenden Berichten hatte das Gericht die Patentverletzung zum Zeitpunkt der ursprünglichen Entscheidung als gegeben angesehen, auch wenn die Hauptsache noch nicht entschieden ist. Damit blieb der Weg für ein Hauptsacheverfahren oder einen erneuten Antrag offen. Parallel dazu hat Viture beim Europäischen Patentamt Einspruch gegen das europäische Patent eingelegt und angekündigt, sich weiterhin juristisch gegen die Vorwürfe zu wehren.
Xreal gegen Viture: Der Konflikt wird international
Inzwischen hat sich der Streit auf die USA ausgeweitet. Mitte Januar 2026 reichte Xreal vor einem Bundesgericht in Texas Klage wegen Patentverletzung gegen Viture‑Gesellschaften ein. Gegenstand ist das US‑Patent Nr. 11.988.839, das inhaltlich weitgehend dem europäischen Schutzrecht entspricht und ein ähnliches optisches System für AR‑/Display‑Brillen beansprucht. Xreal erklärt, man wolle mit der Klage nicht nur einen einzelnen Verstoß ahnden, sondern gegen wiederholte Patentverletzungen vorgehen.
Viture weist die Anschuldigungen auch in diesem Verfahren zurück. Das Unternehmen argumentiert, dass wesentliche Teile des Patents durch den bekannten Stand der Technik abgedeckt seien, und spricht von irreführender Darstellung seitens des Konkurrenten. Eine gerichtliche Bewertung dieser Argumente steht bislang aus.
Display-Brillen: Ähnliche Technik, enger Wettbewerb
Display‑Brillen unterscheiden sich konzeptionell von eigenständigen Mixed‑Reality‑Systemen wie Apple Vision Pro oder Meta Quest 3. Sie fungieren als externe Displays, die in der Regel per Kabel mit Smartphones, Spielekonsolen, Handhelds oder PCs verbunden werden und dem Nutzer ein virtuelles Bild vor die Augen projizieren. Typisch ist ein virtuelles Sichtfeld von etwa 40 bis 50 Grad, das den Eindruck eines schwebenden großformatigen Displays erzeugt.
Obwohl Viture erst 2021 gegründet wurde und Xreal (vormals Nreal) bereits seit einigen Jahren am Markt ist, decken beide Anbieter heute ein sehr ähnliches Nutzungsszenario ab. Unterschiede liegen vor allem in Details wie Design, Bildwiederholraten, Zubehörlösungen oder der Einbindung in unterschiedliche Software‑Ökosysteme. Gerade diese technische Nähe erhöht die Relevanz klarer patentrechtlicher Abgrenzungen.
Xreal setzt parallel auf Wachstum und Partnerschaften
Unabhängig vom laufenden Rechtsstreit treibt Xreal seine Produktentwicklung und Marktpositionierung weiter voran. Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren mehrere Generationen seiner Display‑Brillen vorgestellt und arbeitet daran, seine Geräte enger mit bestehenden Plattformen und Inhalten zu verknüpfen. Zudem betont Xreal strategische Kooperationen mit großen Technologiefirmen sowie zusätzliche Finanzierungsrunden, um die internationale Expansion im XR‑Markt zu beschleunigen.
Konkrete, noch nicht breit bestätigte Produktnamen und ‑spezifikationen, die aus einzelnen Vorab‑Berichten stammen, werden von Xreal bislang nur teilweise öffentlich dokumentiert; Ankündigungen für weitere Geräte und Partnerprojekte gelten daher als Indikator für Ambitionen, können sich in Details aber noch ändern. Für eine nüchterne Einordnung genügt festzuhalten, dass Xreal sich mit neuen Modellen und Kooperationen als wichtiger Player im Segment der Display‑Brillen positionieren will.
Ein Patentstreit mit Signalwirkung für den Markt: Der Konflikt zwischen Xreal und Viture zeigt exemplarisch, wie schnell technologische Konkurrenz in juristische Auseinandersetzungen münden kann. Es geht längst nicht mehr nur um die Auslegung eines einzelnen Patents, sondern um Marktanteile, Investitionssicherheit und die strategische Positionierung in einem wachsenden Segment der XR‑Industrie. Der Ausgang der Verfahren in Europa und den USA dürfte daher nicht nur für die beiden Unternehmen relevant sein, sondern auch für andere Anbieter, die im Markt für Display‑Brillen Fuß fassen wollen.
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