Was früher als lästiger, aber harmloser Sehfehler galt, ist mittlerweile ein globales Gesundheitsproblem. Myopie, also Kurzsichtigkeit, betrifft immer mehr Menschen: Schätzungen zufolge wird bis 2050 nahezu jeder Zweite betroffen sein – mehr als eine Milliarde Menschen sogar von hochgradiger Myopie mit ernsthaften Risiken für Folgeerkrankungen. Nicht ohne Grund spielt Myopiemanagement mittlerweile eine riesige Rolle bei Optikern und Herstellern. Aber gehen die Strategien auf? Eine aktuelle Studie gibt Aufschluss.

Wenn Kurzsichtigkeit zur Volkskrankheit wird: Warum ist Myopie überhaupt gefährlich?
Die Weltgesundheitsorganisation stuft Myopie inzwischen als vermeidbare Ursache für Erblindung ein, die US National Academy of Sciences bezeichnet sie sogar als eigenständige Erkrankung. Gefährlich ist nicht die unscharfe Sicht selbst, sondern die pathologische Verlängerung des Augapfels. Mit zunehmender Achslänge wird das Gewebe dünner und anfälliger – das Risiko für Netzhautablösung, Glaukom, frühe Katarakte und irreversible Sehschäden steigt deutlich. Nicht ohne Grund wird dem sogenannten Myopiemanagement in der Branche eine große Bedeutung beigemessen.
Aber gehen die Versuche, die Kurzsichtigkeit zu stoppen, auf? Mit dieser Fragestellung stetzt sich die Arbeit von Langis Michaud, Professor an der School of Optometry der Université de Montréal, auseinander. Er gilt als einer der führenden Chronisten der internationalen Myopie-Forschung. Jahr für Jahr analysiert er über 2.000 begutachtete Studien, ordnet Trends klinisch ein und trennt Hype von Evidenz. Seine jüngsten Schlussfolgerungen sind zugleich alarmierend und ermutigend: Myopie ist zwar nicht heilbar – aber durchaus kontrollierbar.
Myopie verstehen: Von der Sehschwäche zur echten Krankheit
Michaud nutzt in seiner Studie ein treffendes Bild: Das Auge verhalte sich wie ein Stoff unter Spannung – wird es überdehnt, drohen strukturelle Schäden. Für die augenoptische Praxis bedeutet das: Wer Kurzsichtigkeit nur korrigiert, aber nicht kontrolliert, greift zu kurz.
Auch genetische Faktoren spielen zwar eine Rolle – rund 30 Prozent des Myopie-Risikos gelten als erblich bedingt – doch der größere Einfluss liegt in der Umwelt. Besonders der Mangel an natürlichem Tageslicht wirkt sich negativ auf das Augenwachstum aus. Mindestens zwei Stunden Aufenthalt im Freien täglich können das Fortschreiten messbar bremsen. Natürliches Licht stimuliert die Dopamin-Ausschüttung in der Netzhaut, was das Längenwachstum des Auges hemmt.

Was in der Myopie-Kontrolle heute wirklich wirkt
Diese Erkenntnis hat die Therapie revolutioniert. Moderne Brillengläser mit peripherem Defokus, multifokale Kontaktlinsen oder Nachtlinsen setzen daher gezielt auf kontrollierte Unschärfen, um das Augenwachstum zu bremsen. Als pharmakologische Ergänzung gilt derzeit Atropin 0,05 % weiterhin als optimaler Kompromiss zwischen Effektivität und Verträglichkeit – dass höhere Dosen sogar stärkere Wirkungen haben können, wurde in einer anderen Studie bereits nachgewiesen. Orthokeratologie (formstabile Nachtlinsen) und multifokalen Kontaktlinsen sind ebenfalls vielversprechend – auch hierüber haben wir bereits berichtet.
Darüber hinaus beschäftigen sich Studien immer häufiger auch mit neuen Einflussfaktoren: Entzündungsprozesse, Ernährung, Schlafqualität und sogar das Darmmikrobiom könnten über Stoffwechselwege das Fortschreiten der Myopie beeinflussen. Zwar noch explorativ, doch die Forschung zeigt klar, dass Kurzsichtigkeit deutlich mehr als nur das Auge betrifft.
Vorsicht vor schädlichen Hype-Technologien
Bei all den wirkungsvollen Ansätzen, seien aber auch Fake-Therapien auf dem Markt verfügbar, die sogar schädlich sein können: Besonders kritisch sieht Michaud die in Asien beworbene Low-Level-Red-Light-Therapie (LLRL), die als erfolgreiche Myopie-Behandlung verkauft wird. Erste Humanstudien zeigten jedoch potenzielle Netzhautschäden. In China gelten entsprechende Geräte inzwischen als Hochrisiko-Medizinprodukte, in Kanada sind sie nicht zugelassen. Der Appell: Skepsis gegenüber nicht validierten Technologien bleibt geboten – Evidenz vor Euphorie.
Erfolg hängt von Motivation und Aufklärung ab
Studien wie die von Langis Michaud schaffen Klarheit. Ein Standardrezept liefern sie aber nicht – zu individuell sind die Risikofaktoren. Alter, Ethnie, Achslänge, Progressionsgeschwindigkeit und familiäre Rahmenbedingungen bestimmen die Therapieentscheidung. In Hochrisikofällen kann die Kombination mehrerer Maßnahmen sinnvoll sein, bei moderatem Verlauf reicht häufig eine optische Lösung.
Und besonders entscheidende Erfolgsfaktoren sind wie so oft die Motivation und die konsequente Anwendung der gewählten Therapie. Aufklärung und Begleitung von Eltern und Kindern müssen daher fester Bestandteil jeder Myopie-Kontrolle sein. Hier unterscheidet sich verantwortungsvolle Optometrie deutlich vom klassischen Brillenverkauf.
Weltweit werden die wirtschaftlichen Schäden durch Myopie – etwa durch Produktivitätsverluste und Behandlungskosten – auf über 240 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Die gute Nachricht: Myopie lässt sich zwar nicht rückgängig machen, aber deutlich bremsen. Die wissenschaftliche Evidenz ist heute so klar wie nie. Für Augenoptiker, die evidenzbasierte Myopie-Kontrolle anbieten, entsteht daraus große Verantwortung – und ebenso große Chance.
Zur Studie: Michaud, L. et al. (2025). A look at literature on myopia over the past 25 years: A personal review. Clinical Insights in Eyecare. https://doi.org/10.1080/08164622.2025.2579173
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