Der XEN‑Stent, ein winziges Implantat zur Behandlung des Grünen Stars (Glaukom), verspricht vielen Betroffenen eine schonendere Alternative zur klassischen Augenoperation. Und tatsächlich: In einer Studie zeigten sich zwei Jahre nach dem Eingriff bei rund 64 Prozent der behandelten Augen ein stabiler, gesenkter Augeninnendruck. Doch was auf den ersten Blick nach einem klaren Erfolg aussieht, ist nur die halbe Wahrheit. Eine große Langzeitstudie aus Tübingen und mehreren europäischen Kliniken hat nun genauer untersucht, welche Faktoren wirklich den Ausschlag geben – und wann sich die XEN‑Implantation langfristig lohnt.

Was ist der XEN Gel‑Stent überhaupt und wie funktioniert die minimalinvasive Glaukomchirurgie?
Der XEN Gel‑Stent ist ein sehr kleiner, weicher Schlauch aus Gelatine – gerade einmal sechs Millimeter lang. Er wird bei einem sogenannten minimalinvasiven Eingriff (kurz MIGS) im Auge eingesetzt, um bei einem Glaukom (auch „grüner Star“ genannt) den Augeninnendruck zu senken.
Beim Glaukom ist der Abfluss der Augenflüssigkeit gestört, wodurch der Druck im Auge ansteigt. Der Stent schafft einen neuen, winzigen Kanal, durch den die Flüssigkeit abfließen kann. So wird der Druck im Auge verringert, was den Sehnerv schützt.
Das klingt einfach, ist aber nicht völlig risikofrei. Wie bei der klassischen Operation (der sogenannten Trabekulektomie) kann sich auch nach einer XEN‑Implantation unter der Bindehaut ein „Sickerkissen“ bilden – ein kleiner Flüssigkeitsspeicher, über den das Kammerwasser abgeleitet wird. Wenn sich dort zu viel Narbengewebe bildet, funktioniert der Abfluss schlechter, und der Druck kann wieder steigen.

Langzeitstudie zur XEN‑Implantation: 773 Augen, sieben Jahre und erstaunlich stabile Ergebnisse
In der aktuellen Multicenter‑Analyse werteten Forschende aus Tübingen, Stuttgart, Hamburg und Valencia die Daten von 773 Augen aus. Die Studienteilnehmenden waren im Schnitt 66 Jahre alt, etwa die Hälfte Männer. Am häufigsten litten sie am chronischen Offenwinkelglaukom, der häufigsten Glaukomform.
Der Erfolg wurde danach bewertet, ob der Augeninnendruck um mindestens 20 Prozent sank und ob bestimmte „Zieldrucke“ (also gewünschte Endwerte von 18, 15 oder 12 mm Hg) erreicht wurden – entweder ganz ohne zusätzliche Augentropfen oder mit unterstützender Medikation.
Nach zwei Jahren erreichten 50 Prozent der Augen einen vollständigen Erfolg (ohne Tropfen), 64 Prozent einen qualifizierten Erfolg (mit Tropfen). Auch nach mehreren Jahren blieben die Werte erstaunlich stabil – ein Hinweis darauf, dass der Stent auf Dauer wirken kann.
Diese Faktoren entscheiden, ob die XEN‑Operation langfristig gelingt
Die Forschenden fanden mehrere Punkte, die den Operationserfolg deutlich beeinflussen. Eine wichtige Rolle spielte das Medikament Mitomycin C, das während der Operation eingesetzt wird, um Narbenbildung zu verhindern. Überraschenderweise zeigte sich, dass eine niedrigere Dosis von fünf Mikrogramm langfristig bessere Ergebnisse brachte als eine höhere von zehn Mikrogramm.
Auch der Augeninnendruck vor dem Eingriff hatte Einfluss: Patienten mit einem mäßig erhöhten Ausgangsdruck erzielten tendenziell bessere Resultate. Zudem war der Druck am ersten Tag nach der Operation ein entscheidender Hinweis – blieb er bereits unmittelbar nach dem Eingriff niedrig, war dies meist ein gutes Zeichen für den langfristigen Erfolg.
Dagegen spielten die Glaukomart und frühere Augenoperationen keine entscheidende Rolle. Das ist beruhigend, denn es zeigt, dass der XEN Gel‑Stent auch bei voroperierten Augen zuverlässig wirken kann.
Geschlechtsunterschiede beim Glaukom‑Eingriff: Warum Männer oft schlechter abschneiden
Ein überraschender Befund: Männer hatten eine geringere Erfolgswahrscheinlichkeit als Frauen, wenn es darum ging, sehr niedrige Druckziele zu erreichen. Die Forscher vermuten Unterschiede in der Wundheilung als mögliche Ursache – offenbar neigt die Bindehaut bei Männern stärker zur Narbenbildung, was den Abfluss behindern kann.
Die Ergebnisse zeigen: Der XEN Gel‑Stent bleibt eine wirksame, langfristige Option bei der Behandlung des Glaukoms. Aber der Erfolg hängt von mehreren Faktoren ab – vor allem von der richtigen Medikamentendosierung während der OP, den Druckwerten vor und direkt nach dem Eingriff und sogar vom Geschlecht des Patienten.
Studie: Wenzel, C.J., Wenzel, D.A., Pagonidou, C. et al. Factors influencing the long-term-success of the XEN gel stent. Graefes Arch Clin Exp Ophthalmol (2026). (https://doi.org/10.1007/s00417-025-07104-0)
- Augengesundheits-Report 2026: Viele Augenprobleme bleiben unentdeckt - 3. Februar 2026
- Hoffnungsträger beim Grünen Star: Wie der XEN‑Stent den Augeninnendruck senken soll - 3. Februar 2026
- Warum der Smartglasses-Rechtstreit zwischen Meta, EssilorLuxottica und Solos die Branche aufrüttelt - 28. Januar 2026



