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Glaukom: Was Ernährung und Umweltfaktoren für einen Einfluss darauf haben

Das Glaukom (umgangssprachlich “grüner Star”) galt lange als Paradebeispiel einer klar umrissenen Augenerkrankung: erhöhter Augeninnendruck, schleichender Sehnervschaden, lebenslange Tropftherapie. Doch dieses Bild wird zunehmend differenzierter gesehen. Immer mehr Forschung deutet darauf hin, dass das primäre Offenwinkelglaukom wesentlich komplexer ist als bisher angenommen. Ernährung, Lebensstil und Umweltfaktoren rücken dabei stärker in den Fokus. Prof. Dr. Carl Erb, einer der profiliertesten Glaukomexperten in Deutschland, ordnet die aktuelle Datenlage ein und liefert Denkanstöße, die auch für Optiker von Bedeutung sind.

Glaukom: Was Ernährung und Umweltfaktoren für einen Einfluss darauf haben
Bild: © Jez Timms / Unsplash

Glaukom als systemische Erkrankung – mehr als ein Augenproblem

Nach heutiger Auffassung lässt sich das primäre Offenwinkelglaukom am treffendsten als Mitochondriopathie (eine Störung der Mitochondrien, also der „Kraftwerke“ der Zellen) beschreiben – eine Fehlfunktion, die zu erhöhtem oxidativem Stress (wenn im Körper mehr schädliche Sauerstoffmoleküle entstehen, als abgefangen werden können) führt. Die Folge sind freie Radikale (aggressive Sauerstoffverbindungen, die Zellstrukturen schädigen), entzündliche Prozesse und schließlich eine Neuroinflammation (eine Entzündungsreaktion im Nervensystem). Diese betrifft nicht nur den Sehnerv, sondern auch die Netzhaut und sogar das zentrale Nervensystem. Damit zeigt sich das Glaukom nicht als lokale Augenerkrankung, sondern als systemische Neurodegeneration (eine fortschreitende Schädigung von Nervenzellen im gesamten Körper).

Vor diesem Hintergrund wirkt der therapeutische Fokus auf die reine Augeninnendrucksenkung fast eindimensional. Die aktuellen Leitlinien orientieren sich noch immer fast ausschließlich an diesem Parameter – laut Erb auf einer Evidenzbasis (also der Studienlage) mit begrenzter Aussagekraft. Tatsächlich zeigt die bislang einzige große randomisierte kontrollierte Studie (eine besonders aussagekräftige Studienform), dass zehn Patienten behandelt werden müssen, um bei einem einzigen eine Progression zu verhindern. Ein ernüchternder Wert, der die Frage aufwirft, ob der Blick nicht weiter gefasst werden sollte.

Ernährung und Umweltfaktoren beim Glaukom – Prof. Dr. Carl Erb (Bild: © 
EYEFOX)
Glaukomexperte Prof. Dr. Carl Erb (Bild: © EYEFOX)

Antioxidantien, Vitamine und die Hoffnung auf neuroprotektive Effekte

Wenn oxidativer Stress und Entzündungen zentrale Treiber des Glaukoms sind, liegt es nahe, antioxidative Nährstoffe (Stoffe, die Zellschäden durch Sauerstoffverbindungen vorbeugen) stärker zu betrachten. Vitamine, Mineralstoffe und bestimmte Mikronährstoffe (essenziell benötigte Spurenelemente) können entzündliche Prozesse modulieren, so Erb. Zwar beeinflussen sie den Augeninnendruck in der Regel nicht direkt, doch ihr potenzieller Effekt auf die mitochondriale Funktion und Neuroinflammation macht sie interessant.

Besonders häufig diskutiert wird Coenzym Q10 (ein körpereigener Stoff, der in der Energieerzeugung der Zellen eine Schlüsselrolle spielt). Mehrere hochwertige Metaanalysen (Zusammenfassungen mehrerer hochwertiger Studien, also höchste Evidenzstufe 1A) zeigen, dass Q10 systemische Entzündungsmarker senken, die Interleukinproduktion (Ausschüttung von Entzündungsbotenstoffen) reduzieren und den Tumornekrosefaktor Alpha (ein zentraler Entzündungsmarker) beeinflussen kann. Zwar stammen diese Daten überwiegend aus anderen medizinischen Fachgebieten, doch genau darin liegt der entscheidende Punkt: Wenn das Glaukom eine systemische Neurodegeneration ist, muss man auch systemische Evidenz ernst nehmen.

Mediterrane Ernährung, MIND-Diät und was wirklich belegt ist

Lange galt die mediterrane Ernährung (reich an Obst, Gemüse und Olivenöl, wenig Fleisch und Zucker) als möglicher Schutzfaktor beim Glaukom. Für das Glaukom selbst ließ sich dieser Zusammenhang jedoch bislang nicht eindeutig bestätigen – die Evidenz reicht nicht aus, um einen klaren Schutzfaktor anzunehmen.

Anders sieht es bei der sogenannten MIND-Diät (eine Kombination aus mediterraner und speziell gehirnschützender Ernährung) aus. Eine 2023 veröffentlichte Studie aus Stockholm zeigte, dass nach fünf Jahren die Glaukominzidenz in der MIND-Gruppe geringer war. Das weckt Interesse, auch wenn Erb betont, dass große prospektive Studien noch fehlen. Ernährung könne also ein ergänzender Ansatz sein – bislang jedoch kein therapeutischer Wendepunkt. Dennoch sprechen viele Daten dafür, den Konsum von hochverarbeiteten Produkten, gesättigten Fettsäuren und rotem Fleisch zu reduzieren – zugunsten pflanzenbetonter Kost mit viel Gemüse, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten und gesunden Fetten wie Olivenöl oder Nüssen.

Fettsäuren, Durchblutung und die Grenzen der Erwartung

Snacks
Bild: © Denny Müller / Unsplash

Mehrfach ungesättigte Fettsäuren (v. a. Omega‑3 und Omega‑6) gelten als entzündungshemmend und durchblutungsfördernd. Studien zeigen, dass sie die Stickoxidproduktion (ein körpereigener Mechanismus, der Gefäße erweitert) steigern und die retinale Perfusion (Durchblutung der Netzhaut) verbessern können. Für die Progression des Glaukoms selbst ließ sich bislang jedoch kein direkter Effekt nachweisen. Sie verbessern die Rahmenbedingungen, verändern aber den Krankheitsverlauf offenbar nicht entscheidend. Auch hier gilt: sinnvoll im Gesamtkonzept, aber kein Ersatz für etablierte Therapien.

Mediterranes Essen
Mediterranes Essen (Bild: © Yevheniia / Unsplash)

Lebensstilfaktoren als unterschätzter Hebel in der Glaukomtherapie

Ernährung ist nur ein Teil des Puzzles. Lebensstilfaktoren spielen nach Einschätzung von Erb eine zentrale Rolle – gerade weil sie veränderbar sind. Rauchen, Bewegungsmangel und überwiegend sitzende Tätigkeiten fördern sekundäre Mitochondriopathien (Funktionsstörungen der Zellkraftwerke infolge externer Faktoren) und verstärken oxidativen Stress. Hochverarbeitete Lebensmittel sowie hoher Zucker- und Salzkonsum begünstigen zusätzlich entzündliche Prozesse.

Auch der Schlaf wird oft unterschätzt: Sowohl zu wenig als auch dauerhaft mehr als acht Stunden Schlaf wirken ungünstig. Unregelmäßige Schlafrhythmen können den Verlauf zusätzlich beeinflussen. Ähnliches gilt für körperliche Belastung: Starkes Krafttraining oder Pressatmung (Luftanhalten beim Heben schwerer Gewichte) können den Augeninnendruck kurzfristig erhöhen – Faktoren, die in der Beratung stärker berücksichtigt werden sollten.

Mikroplastik im Auge – eine neue Baustelle der Forschung

Ein Thema, das erst allmählich in der Augenheilkunde ankommt, ist Mikroplastik (winzige Kunststoffpartikel, die über Luft, Wasser oder Nahrung in den Körper gelangen). Diese Partikel finden sich mittlerweile nicht nur im Blut und im Gehirn, sondern auch im Auge – unter anderem im Hornhautepithel (Deckgewebe der Hornhaut), in der Bindehaut, im retinalen Pigmentepithel (Zellschicht unter der Netzhaut), im Kammerwasser (der Flüssigkeit im vorderen Augenabschnitt) und im Glaskörper (gelartige Substanz im Inneren des Auges).

Besonders problematisch ist ihre entzündungsfördernde Wirkung. Mikroplastik aktiviert Interleukin 6 sowie Interleukin 1‑Alpha und ‑Beta (Botenstoffe, die Entzündungsreaktionen auslösen) und kann ausgeprägte Entzündungsprozesse hervorrufen. Dass dies für empfindliche Gewebe wie den Sehnerv problematisch ist, erscheint plausibel – auch wenn konkrete klinische Auswirkungen noch nicht abschließend erforscht sind.

Nahrungsergänzungsmittel zwischen Hoffnung und Realität

Der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln (Vitamine, Spurenelemente oder Mikronährstoffe in konzentrierter Form) wird oft kritisch gesehen, nicht zuletzt wegen der heterogenen Studienlage (unterschiedlichen Studienergebnisse). Erb weist jedoch darauf hin, dass es für einige Substanzen durchaus belastbare Metaanalysen gibt – neben Coenzym Q10 etwa für bestimmte antioxidative Wirkstoffe. Relevante Wechselwirkungen mit lokalen Antiglaukomatosa (Augentropfen zur Drucksenkung) oder ernsthafte Risiken seien kaum bekannt. Vorsicht sei lediglich bei hohen Dosierungen einzelner Vitamine geboten, etwa bei Vitamin D und Niereninsuffizienz (eingeschränkter Nierenfunktion).

Wichtig bleibt eine realistische Einordnung: Nahrungsergänzungsmittel ersetzen keine drucksenkende Therapie, können aber als Teil eines ganzheitlichen Konzepts sinnvoll sein – vor allem, wenn man das Glaukom als systemische Erkrankung versteht.

Das Glaukom der Zukunft dürfte weniger eindimensional gedacht werden. Der Augeninnendruck bleibt ein zentraler Parameter, aber er ist nicht alles: Ernährung, Lebensstil, systemische Entzündungen und Umweltfaktoren spielen offenbar eine größere Rolle als lange angenommen.

Christoph Hillermann-Giannoutsos