Immer mehr Fachgeschäfte übernehmen eine aktive Rolle in der Augengesundheitsversorgung – und Augenscreening ist dabei der logische nächste Schritt. Wer früh erkennt, kann früh handeln und den Kunden rechtzeitig zum Augenarzt weiterleiten – und nicht zuletzt schaffen Augenscreenings ein durchaus lukratives Zusatzangebot, dass die Kundenbindung stärkt. Dieser Praxis-Guide zeigt, wie der Einstieg gelingt.

Neben Refraktion, Brillenberatung und Kontaktlinsenanpassung gewinnen auch gesundheitsorientierte Services im klassischen Augenoptik-Betrieb zunehmend an Bedeutung – und Augenscreening steht dabei ganz vorne.
Lange Wartezeiten beim Augenarzt, ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein und der Wunsch nach unkomplizierter Früherkennung machen das Fachgeschäft zum idealen Anlaufpunkt. Moderne Messsysteme, digitale Auswertung und telemedizinische Anbindungen erleichtern den Einstieg dabei erheblich.
Was ist ein Augenscreening?
Ein Augenscreening ist eine systematische Untersuchung des Auges zur frühzeitigen Erkennung von Auffälligkeiten – keine medizinische Diagnose, sondern eine Vorsorgemaßnahme. Im Gegensatz zum klassischen Sehtest, der primär die aktuelle Sehstärke ermittelt, betrachtet das Screening die Augengesundheit ganzheitlich. Je nach Ausstattung lassen sich untersuchen:
- Augeninnendruck & Pachymetrie (wichtig zur Risikoeinschätzung für Glaukom)
- Hornhaut und Hornhauttopographie (Früherkennung von Deformationen, Kontaktlinsenanpassung)
- Tränenfilm und Meibomdrüsen (Trockenes Auge, Office-Eye-Syndrom)
- Linse, Netzhaut, Makula und Sehnerv (mittels Funduskamera oder OCT)
Viele Augenerkrankungen entwickeln sich schleichend – ein professionelles Screening kann Hinweise liefern, noch bevor Betroffene selbst Beschwerden wahrnehmen.
3 Gründe für Augenscreening im Augenoptik-Fachgeschäft
Der Bedarf nach Augenscreenings unter den Kunden wird immer größer. Hier sind drei Gründe, warum es Sinn macht, das Thema in den Augenoptik-Beratungsalltag aufzunehmen:
- Früherkennung mit echtem Mehrwert – Erkrankungen wie das Glaukom (Grüner Star) oder die altersbedingte Makuladegeneration (AMD) verlaufen jahrelang symptomlos. Screening macht Veränderungen sichtbar, bevor sich die Sehkraft unwiederbringlich verschlechtert.
- Niedrigschwelliger Zugang – Ein Termin im Fachgeschäft ist oft schneller verfügbar als beim Augenarzt. Kunden können unkompliziert und ohne lange Wartezeiten im Rahmen ihres Brillenkaufs ihre Augen checken lassen.
- Klare Positionierung – Wer Screening aktiv anbietet, positioniert sich als moderner, gesundheitsorientierter Primärversorger – weit über den reinen, preisgetriebenen Brillenverkauf hinaus. Das schafft Vertrauen, das online nicht kopiert werden kann.
Welche Erkrankungen kann ein Augenscreening beim Optiker aufdecken?
Ein professionelles Augenscreening liefert wertvolle Hinweise auf:
- Glaukom (Grüner Star): Häufig asymptomatischer Druckanstieg oder Durchblutungsveränderungen mit möglicher Sehnervschädigung.
- AMD (Altersbedingte Makuladegeneration): Degenerative Veränderungen im Bereich des schärfsten Sehens (Ablagerungen/Drusen).
- Diabetische Retinopathie: Netzhautveränderungen durch geschädigte Blutgefäße bei bestehendem Diabetes – besonders relevant, da oft lange unbemerkt.
- Keratokonus: Fortschreitende Hornhautverformung, die oft erst im Verlauf durch unregelmäßigen Astigmatismus auffällt.
- Trockene Augen / Meibomdrüsen-Dysfunktion (MGD): Häufige Ursache für Sehschwankungen und Unverträglichkeiten bei Bildschirmarbeit und Kontaktlinsenträgern.
Wichtig: Das Screening liefert Indizien und strukturiert dokumentierte Auffälligkeiten, keine medizinische Diagnose. Bei Verdachtsmomenten erfolgt die finale Abklärung und Therapie immer beim Augenarzt.
Welche Augenscreening-Geräte eignen sich zum Einstieg?
Nicht alles auf einmal – gezielt beginnen ist der richtige Ansatz. Empfehlenswerte Basisausstattung für den Einstieg:
- Funduskamera (Non-Mydriatic): Ermöglicht schnelle Netzhautaufnahmen ohne die Notwendigkeit, die Pupillen medikamentös zu erweitern. Ideal für die Dokumentation und den Einstieg.
- Non-Contact-Tonometer (NCT): Berührungslose Augeninnendruckmessung mittels Sanftluftimpuls. Kurze Messzeit, extrem hohe Kundenakzeptanz und perfekt in den Beratungsalltag integrierbar.
- Trockene-Augen-System (z. B. integriert in Topographen): Kombination aus Tränenfilm-Meniskus- und Meibographie (Infrarot-Aufnahme der Drusen). Bietet exzellente Argumente für Premium-Brillengläser (z. B. mit speziellen Entspiegelungen für Bildschirmarbeit) oder Spezial-Kontaktlinsen.
Für erfahrene Betriebe mit hohem Durchsatz: Ergänzend bieten sich OCT-Systeme (Optische Kohärenztomographie) an, die hochaufgelöste Querschnitte der Netzhautschichten liefern.
Augenscreenings und Telemedizin: KI-gestützte Auswertung für den Einstieg
Telemedizinische und KI-gestützte Systeme (wie beispielsweise RetInSight, Welch Allyn RetinaVue oder Topcon Harmony) nehmen Augenoptikern heute die größte Hürde beim Einstieg: die Angst vor der Fehlinterpretation.
- Automatisierte Voranalyse: Bilddaten aus der Fundusfotografie werden verschlüsselt in eine Cloud geladen. Eine zertifizierte, medizinische KI analysiert das Bild innerhalb von Sekunden auf Anzeichen von AMD, Glaukom oder diabetischer Retinopathie.
- Ampelsysteme für maximale Sicherheit: Viele Systeme arbeiten mit einem einfachen Farbschema (Grün = unauffällig, Gelb = Verlaufskontrolle, Rot = augenärztliche Abklärung empfohlen).
- Sicherheit für den Optiker: Da nicht jede Detailauswertung im eigenen Haus durch den Augenoptikermeister erfolgen muss, sinkt die Einstiegshürde drastisch.
- Optimale Dokumentation: Die KI generiert einen strukturierten, leicht verständlichen PDF-Befundbericht. Diesen kann der Kunde direkt zu seinem Augenarzt mitnehmen, was die interdisziplinäre Zusammenarbeit erleichtert.
Zeitaufwand bei Augenscreenings im Fachgeschäft
Der Ablauf eines typischen Screenings lässt sich perfekt in den Werkstatt- und Verkaufsalltag standardisieren. Insgesamt ergibt sich meist ein Zeitrahmen von etwa 15 bis 25 Minuten:
- Anamnese (3 bis 5 Minuten): Kurze, strukturierte Erfassung von Beschwerden, familiärer Vorbelastung (z. B. Glaukom in der Familie) und der Allgemeingesundheit (z. B. Diabetes).
- Messung (5 bis 10 Minuten): Durchführung der gewählten Module (z. B. Non-Contact-Tonometrie und Fundusaufnahme). Der Kunde verbleibt in standardisierter, komfortabler Position.
- Auswertung & Dokumentation (2 bis 5 Minuten): Hochladen der Daten, KI-Analyse abwarten und digitale, datenschutzkonforme Speicherung der Werte für spätere Verlaufsvergleiche.
- Beratung & Ergebnisgespräch (5 bis 10 Minuten): Verständliche Erklärung der Aufnahmen am Bildschirm, Übergabe des Reports und gegebenenfalls Formulierung einer Empfehlung zur augenärztlichen Abklärung.
Mit zunehmender Routine des Teams lässt sich dieser Prozess oft noch effizienter gestalten und perfekt parallel zu Glasberatungen takten.
Lohnen sich Augenscreenings finanziell für Augenoptiker?
Ja, sowohl direkt als auch indirekt. Bei konsequenter Integration amortisieren sich die Geräte deutlich schneller als gedacht.
Direktes Rechenbeispiel (Konservativ kalkuliert):
- Gebühr pro Screening: 59,– € (brutto)
- Screenings pro Woche: 3 Stück
- Umsatz pro Woche: 177,– €
- Jahresumsatz (bei 50 Wochen): ca. 8.850,– €
Zieht man davon die Gebühren für die KI-Cloud-Nutzung (ca. 10–15 € pro Upload) ab, bleibt ein attraktiver direkter Deckungsbeitrag. Bei 5 Screenings pro Woche steigt der Jahresumsatz bereits auf knapp 15.000,– €.
Der Hebeleffekt (Indirekter Umsatz):
Der weitaus größere wirtschaftliche Effekt entsteht im anschließenden Verkaufsgespräch:
- Glas-Upgrades: Sieht der Kunde die Belastung seiner Augen oder leichte Trübungen der Linse, steigt die Bereitschaft für hochwertige Brillengläser mit Blaulichtfiltern oder verbesserter Kontrastwirkung drastisch.
- Spezial-Dienstleistungen: Ein trockenes Auge führt direkt zum Verkauf von Premium-Nachbenetzungsmitteln oder dem Wechsel auf hochsauerstoffdurchlässige Tages- oder Sklerallinsen.
- Kundenbindung & Empfehlungen: Kunden, deren Augengesundheit ernst genommen wird, wechseln seltener zum Online-Discounter und empfehlen das Fachgeschäft im Bekanntenkreis aktiv weiter („Der Optiker hat meine Netzhaut gecheckt!“).
Typische Fehler bei Augenscreenings – und wie man sie vermeidet
Damit die Einführung ein Erfolg wird, sollten Sie folgende Stolpersteine kennen und meiden:
- Fehlende aktive Kommunikation: Das Screening wird zwar auf Flyern angeboten, aber im Beratungsgespräch vom Team nicht aktiv platziert. Lösung: Verknüpfen Sie es standardmäßig mit der Refraktion („Herr Müller, zu Ihrer neuen Brille gehört bei uns standardmäßig der Basis-Check Ihrer Netzhaut dazu.“).
- Unklare Abgrenzung zur Diagnose: Ein Optiker darf und sollte keine medizinischen Diagnosen stellen („Sie haben ein Glaukom“). Lösung: Nutzen Sie klare Formulierungen (siehe Kommunikations-Leitfaden unten). Wir dokumentieren Auffälligkeiten, die Diagnose stellt der Arzt.
- Zu komplexer Einstieg: Wer sofort mit High-End-OCT-Systemen und 12 verschiedenen Screening-Modulen startet, überfordert Mitarbeiter und Prozesse. Lösung: Klein anfangen (z. B. Funduskamera + KI) und das Angebot sukzessive ausbauen.
- Unzureichend geschultes Team: Wenn Mitarbeiter Angst vor den Geräten oder den Fragen der Kunden haben, wird das Screening nicht verkauft. Lösung: Regelmäßige Rollenspiele im Team und technische Schulungen durch die Hersteller nutzen.
- Fehlende Integration in die Beratung: Das Screening darf kein isoliertes Event sein. Die Ergebnisse müssen direkt in die optische Empfehlung (z. B. Arbeitsplatzbrille bei trockenem Auge) einfließen.
Praxis-Leitfaden: Wie schult man das Team?
Technik allein reicht nicht. Ein professionelles Screening steht und fällt mit geschultem Personal und klaren Prozessen.
- Rollenklarheit im Team schaffen: Wer übernimmt die Messung (kann oft an Augenoptiker/Gesellen delegiert werden), wer macht die abschließende Auswertung und Beratung (ideal beim Augenoptikermeister/Bachelor/Master)?
- Infrastruktur bereitstellen: Ein ruhiger, gut abdunkelbarer und belüfteter Messraum ist Pflicht. Planen Sie feste Zeitslots im Terminkalender ein. Zu Beginn reichen 1–2 Screenings täglich, um Routine aufzubauen, ohne den Ladenalltag zu blockieren.
- Kommunikationstraining für sensible Befunde: Mitarbeiter müssen sich auch bei sensiblen Themen wie einem Glaukom- oder AMD-Verdacht in der Kundenkommunikation sicher fühlen – sachlich, ruhig und mit konkreter Handlungsempfehlung.
Formulierungshilfe für die Praxis:
Richtig: „Herr Müller, unsere Messung und die softwaregestützte Analyse zeigen im zentralen Bereich Ihrer Netzhaut eine leichte, strukturierte Abweichung von der Norm. Das ist kein Grund zur Sorge, sollte aber im Sinne einer optimalen Vorsorge in den nächsten Wochen einmal von Ihrem Augenarzt genauer angeschaut werden. Ich drucke Ihnen diesen bebilderten Bericht direkt für Ihren Arztbesuch aus.“ (Wirkt hochprofessionell, beruhigend und kompetent)
Falsch: „Oh, Ihre Netzhaut sieht nicht gut aus, Sie haben da Flecken, das könnte eine Makuladegeneration sein. Gehen Sie sofort zum Arzt.“ (Erzeugt Panik)
Fazit & Checkliste für den Start
Der Einstieg ins Augenscreening ist für moderne Augenoptiker kein Risiko, sondern eine der größten Chancen zur Zukunftssicherung. Dank KI und Telemedizin ist das Fachwissen skalierbar und der Einstieg sicher.
Die nächsten Schritte:
- [ ] Bedarf analysieren: Welche screeningrelevanten Geräte (z. B. Funduskamera) sind eventuell schon im Betrieb vorhanden?
- [ ] Telemedizin-Partner wählen: Anbieter vergleichen (Schnittstellen zu bestehenden Geräten prüfen).
- [ ] Preise & Pakete definieren: Screening als Einzel-Dienstleistung (z. B. 59,– €) oder als Upgrade im Premium-Sorglos-Paket anbieten.
- [ ] Team schulen: Prozesse festlegen (Anamnese bis Ergebnisbericht) und Formulierungen für das Kundengespräch trainieren.
- [ ] Sichtbarkeit schaffen: Screening im Schaufenster, auf der Website und direkt beim Empfang des Kunden aktiv ansprechen.
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