Der Markt für Smart Glasses und VR-Brillen steht 2026 vor einer Phase der Neujustierung. Nach Jahren technologischer Experimente, punktueller Hypes und begrenzter Marktdurchdringung verschieben sich die Schwerpunkte. Während klassische VR-Headsets an Sichtbarkeit verlieren, entstehen neue Gerätekategorien zwischen Brille, Headset und Wearable. Gleichzeitig wird deutlich, dass Software, KI-Integration und Plattformanbindung wichtiger werden als reine Hardware-Innovationen.

Fragmentierung statt klarer Produktklasse bei Smart Glasses
Smart Glasses entwickeln sich 2026 nicht entlang eines einheitlichen Leitbilds, sondern in viele Richtungen gleichzeitig. Neue Modelle unterscheiden sich stark hinsichtlich Display-Technologie, Bedienkonzept, Rechenarchitektur und Einsatzzweck. Google plant nach dem gescheiterten Glass-Versuch einen Neustart mit Android XR, bei dem der KI-Assistent Gemini zentraler Bestandteil ist. Vorgesehen sind Varianten mit und ohne Display, was die Bandbreite möglicher Nutzungsszenarien erweitert, aber auch die Vergleichbarkeit erschwert.
Mit Project Aura, einem Gemeinschaftsprojekt von Google und Xreal, entsteht zudem eine Zwischenform aus Smart Glasses und Mixed-Reality-System. Die Brille setzt auf ein semitransparentes Display mit großem Sichtfeld, während Recheneinheit und Akku ausgelagert werden. Ähnliche Konzepte verfolgt auch Apple, das laut Berichten an einer iPhone-gekoppelten Brille ohne eigenes Display arbeitet. Meta wiederum baut sein bestehendes Portfolio weiter aus und versucht, den Vorsprung aus der Ray-Ban-Partnerschaft zu sichern.
Neben den großen Plattformanbietern drängen zahlreiche kleinere Hersteller und Start-ups auf den Markt. Die Folge ist ein wachsendes, aber zunehmend unübersichtliches Angebot. Der Begriff „Smart Glasses“ verliert dadurch an Trennschärfe und beschreibt eher eine lose Gerätegruppe als eine klar definierte Produktkategorie. Gleichzeitig ist absehbar, dass die Nachfrage nicht im gleichen Tempo wächst wie das Angebot, was den wirtschaftlichen Druck auf Anbieter erhöhen dürfte.

VR-Hardware im Wandel: Leichter, modularer, weniger sichtbar
Virtual Reality tritt 2026 deutlich leiser auf als in früheren Jahren. Neue Headsets sind rar, und nur wenige Modelle dürften größere Aufmerksamkeit erzeugen. Dennoch vollzieht sich im Hintergrund ein grundlegender Wandel. Hersteller arbeiten an sogenannten Split-Architekturen, bei denen Recheneinheit und Energieversorgung in externe Module ausgelagert werden. Dadurch sinken Gewicht und Baugröße der eigentlichen Brille erheblich.
Erste Geräte dieser Art könnten von Pico oder Meta kommen, auch wenn Markteinführungen teils auf 2027 verschoben wurden. Prototypen aus China zeigen bereits, wie nah solche Systeme optisch an eine klassische Sonnenbrille heranrücken können. Diese Entwicklung adressiert eines der zentralen Akzeptanzprobleme von VR: Größe und Tragekomfort. Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen VR-Brillen und Smart Glasses weiter, insbesondere wenn semitransparente Displays und Mixed-Reality-Funktionen hinzukommen.
Ob diese neue Gerätegeneration tatsächlich zu einer breiteren Nutzung von Virtual Reality führt, bleibt offen. 2026 wird jedoch erste belastbare Hinweise liefern, ob der reduzierte Formfaktor ein entscheidender Hebel sein kann.
KI als selbstverständliche Infrastruktur statt Zusatzfunktion
Künstliche Intelligenz wird 2026 nicht mehr als Alleinstellungsmerkmal einzelner Geräte wahrgenommen, sondern als grundlegende Voraussetzung. Bei Smart Glasses entscheidet weniger die Anzahl der Sensoren oder Kameras über den Erfolg als die Qualität der KI-Integration in bestehende Ökosysteme. Nutzer erwarten kontextbezogene Assistenz, die dauerhaft verfügbar ist und sich nahtlos in Smartphone, Smartwatch und Cloud-Dienste einfügt.
Im VR-Bereich gewinnt KI vor allem bei der Erzeugung und Transformation von Inhalten an Bedeutung. Die automatische Umwandlung von Fotos, Videos oder Spielen in stereoskopische 3D-Erlebnisse wird zunehmend zum Standard. Darüber hinaus setzen Hersteller auf Verfahren, die aus Bildmaterial frei begehbare Räume erzeugen. Diese Technologien ermöglichen neue Formen der Interaktion mit realen und virtuellen Umgebungen.
Eine wichtige Rolle spielt dabei auch Gaussian Splatting. Die Methode erlaubt es, reale Räume mit vergleichsweise geringem Aufwand nahezu fotorealistisch zu digitalisieren. Für Anwendungen in Kommunikation, Training oder Präsentation eröffnet das neue Möglichkeiten, ohne auf vollständig generierte virtuelle Welten angewiesen zu sein.
Wirtschaftliche Perspektiven und neue Rollen für den Optikmarkt
Parallel zur technologischen Entwicklung wächst das Interesse der Finanzmärkte an smarten Brillen, insbesondere an Modellen mit KI-Fokus. Analysten sehen Potenzial weniger bei klassischen Hardwareherstellern als bei Unternehmen, die Produkt, Service und Kundenbeziehung verbinden. Brillenhändler mit integrierten Sehtests, Versicherungskooperationen und direktem Kundenzugang könnten von der zunehmenden Funktionalisierung der Brille profitieren.
Damit rückt auch der Optikmarkt stärker in den strategischen Fokus. Intelligente Brillen sind nicht nur Elektronikprodukte, sondern weiterhin Sehhilfen, die Anpassung, Beratung und Service erfordern. Für Optiker eröffnen sich dadurch neue Rollen zwischen Technologievermittlung und augenoptischer Kernkompetenz. 2026 dürfte sich zeigen, welche Marktteilnehmer diese Schnittstelle überzeugend besetzen können.
Das Jahr 2026 markiert weniger den Beginn eines neuen Hypes als eine Phase der Konsolidierung. Smart Glasses und VR-Brillen entwickeln sich weiter, aber nicht mehr entlang einfacher Trendlinien. Entscheidend werden Integration, Alltagstauglichkeit und wirtschaftliche Tragfähigkeit sein.





